Kempten
«Er ist der Kopf, ich bin die Hand»

Jeden Morgen nach dem Frühstück steigt Dr. Heinz Wagner in den ersten Stock seines Hauses, nimmt am Eichenschreibtisch beim Fenster - mit Blick auf den Grünten - Platz und beginnt mit der Arbeit. Sie dauert bis abends um sechs Uhr, unterbrochen nur durchs Mittagessen und Mittagsschlaf.

Für einen Freischaffenden wäre dieses Pensum nichts Besonderes. Bei Heinz Wagner ist das anders. Der Mann ging vor 24 Jahren in den Ruhestand und feiert am Montag seinen 90. Geburtstag.

Warum er noch arbeitet? Weil ihn eine ganz spezielle Leidenschaft antreibt. Heinz Wagner beschreibt Opern und füllt damit Bücher. Sein «Großes Handbuch der Oper» ist zu einem Standardwerk geworden. Den Inhalt von 2750 Opern hat er bis jetzt in knappen Sätzen zusammengefasst, hat die Lebensdaten und Fotos von den Komponisten gesammelt, hat die Rollen und ihre Stimmlagen aufgelistet.

«Da liegt meine tägliche Arbeit», sagt Wagner und deutet auf einen Korb neben seinem Schreibtisch. An diesem Morgen liegt dort Material über die Oper «Wallenstein» des tschechischen Komponisten Weinberger. Sie wird er als nächstes beschreiben.

Die Arbeit wird ihm vermutlich nie ausgehen. Die bekannten Opern von Mozart, Verdi oder Puccini hat Wagner längst dokumentiert. Jetzt gilt es, das Feld unbekannter Opern zu beackern - und natürlich die neuesten Werke. Jene, die in den letzten Monaten und Jahren uraufgeführt wurden.

Wie er sie findet? Wagner durchstöbert die internationalen Spielpläne. Abgedruckt sind sie in Fachzeitschriften.

Er pickt jene heraus, die noch nicht in seinem Handbuch verzeichnet sind, schreibt die Opernhäuser an, bittet um Informationen und legt ein paar Euro oder Dollar bei, damit die Chancen auf eine Antwort steigen. Die bleibt freilich bisweilen auch aus. Die berühmte Metropolitan Opera (MET) in New York beispielsweise hält es nicht für nötig, Post nach Kempten zu schicken. Was Wagner ärgert.

Texte sollen verständlich sein

Inhaltsangaben von Opern zu fertigen, war früher leichter, sagt Wagner. Heutzutage gebe es oft keine Handlung mehr. Dann kann es auch mal vorkommen, dass Wagner eine Oper «reifen lassen muss», wie er sagt. Er denkt viel darüber nach, informiert sich in Büchern und im Internet. Schließlich soll am Ende ein Text herauskommen, «den der normale Mensch versteht.

» Ob das gelungen ist, testet Wagners Frau Lore. Ihr legt er die fertigen Manuskripte zum Lesen hin. Gefällts ihr nicht, muss er nachjustieren. Lore Wagner, 79 Jahre alt, hilft ihrem Mann auch am Computer, erledigt Telefonanrufe, bestellt Literatur und hält ihm bei der Hausarbeit den Rücken frei. «Ohne sie könnte ich das nicht machen», sagt Heinz Wagner. Lore Wagner formuliert das so: «Er ist der Kopf, ich bin die Hand.»

Das Handbuch betrachten sie als ihr Kind. Über 100000 Mal sind die Wälzer inzwischen über die Ladentische gegangen. Geld haben die Wagners damit aber nicht gemacht. «Das Ganze ist eher ein Verlustgeschäft», sagt Lore Wagner. Allerdings eines, das sie gerne in Kauf nehmen.

Erst Anfang der 1980er Jahre, kurz vor seinem Ruhestand, hat der damalige Hautarzt mit diesem Hobby begonnen - aus Ärger über die Führer, die auf dem Markt waren. Er hatte sich schlecht informiert gefühlt. Nun denkt er - trotz ordentlicher Gesundheit - ans Aufhören. Deshalb suchen er und seine Frau nach einem Nachfolger. Bis jetzt haben sie noch keinen geeigneten Kandidaten gefunden. Er oder sie müsste wohl die gleiche Leidenschaft haben, wie Heinz Wagner sie besitzt.

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