Special Wirtschaft im Allgäu SPECIAL

AllgäuImpulse
Entscheidungen treffen heißt, auch Risiken einzugehen

Europameisterschaft 2004, Viertelfinale Portugal gegen England, Spielstand 1:1, letzte Spielminute: Die Engländer schießen ein Tor und jubeln, weil sie das Halbfinale erreicht haben. Glauben die Kicker von der Insel. Der Schweizer Schiedsrichter Urs Meier gibt den Treffer nicht. Elfmeterschießen. Die Engländer fliegen (wie immer) raus. Portugal ist weiter. Wütende Proteste von den Engländern. Die Londoner Boulevard-Presse überfällt den Wohnsitz von Meier im Kanton Aargau, wühlt im Privatleben des Schiedsrichters, entdeckt, dass sich Meier vor Jahren von seiner Frau getrennt hat, und titelt seitenhoch: So wie er seine Frau betrogen hat, so hat er uns betrogen!» Meier muss seine Internet-Seite wegen tausender hasserfüllter Mails schließen und erhält Morddrohungen.

«Das müssen sie aushalten, wenn sie regelmäßig wichtige Entscheidungen treffen», sagt Meier fast schon lakonisch, als er jetzt zum Abschluss der Vortragsreihe «Allgäu Impulse 2010 - Von den Besten profitieren» im Kemptener Kornhaus spricht. Sein Thema lautet passenderweise «Zwischen den Fronten». In solchen Situationen Entscheidungen treffen heißt, auch Risiken einzugehen. Im Falle England-Portugal, dass eine ganze Nation durchdreht.

Das Beispiel zeigt, dass eine Entscheidung, die im Bruchteil einer Sekunde gefällt worden ist, weitreichende Konsequenzen haben kann - für einen selbst und manchmal für Millionen andere Menschen.

Aber deswegen sich vor einem Urteil drücken, macht die Sache nicht besser, denn «auch keine Entscheidung ist eine Entscheidung», führt Meier fast schon eine Binsenweisheit an. Hätte er nicht wegen Stürmerfouls gepfiffen und das Tor für die Engländer gegeben, wäre Portugal rausgeflogen - zu Unrecht, wie die Hintertorkamera später bewies. Im Getümmel vor dem portugiesischen Kasten hatte tatsächlich ein Engländer den portugiesischen Tormann im Fünfmeterraum nach unten gedrückt. Meier lag also richtig.

Bei jedem Entscheid gebe es jemand, der dagegen protestiere, ob auf dem Fußballplatz oder in einer Firma. Aber Entscheidungen müssen laut Meier durchgesetzt werden, sonst geht das Spiel nicht weiter.

«Die Spieler akzeptieren auch mal Fehlentscheidungen des Schiedsrichters, aber sie akzeptieren keine Unsicherheit», weiß Meier, der 880 Begegnungen gepfiffen hat.

Konzentration hochhalten

Ganz wichtig ist laut Meier, nach einer wichtigen Entscheidung - im Fußball ein Tor oder ein Platzverweis, in einer Firma das «Ja» für ein Millionenprojekt oder eine Kündigung - die Konzentration hochzuhalten. Denn große Entscheidungen ziehen immer viele kleine Entscheidungen nach sich. Da heißt es dann, sich nicht zurücklehnen, sondern konsequent aufmerksam bleiben.

Übrigens: Der einzige englische Spieler, der bei der EM 2004 nach dem annullierten Tor in der Schlussminute nicht protestiert hat, war John Terry. Er hatte den portugiesischen Schlussmann Ricardo Pereira am Fangen des Balles gehindert, den dann Sol Campbell einköpfen konnte.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen