Rollentausch
Eismann-Chef als Hilfsarbeiter unerkannt im Warenlager

Er ist ein Chef von Kopf bis Fuß und normalerweise sieht er auch so aus: Maßanzug, weißes Hemd, Krawatte, gepflegter Haarschnitt. Aber mit Bart, Brille, Mütze und Blaumann erkannten ihn die eigenen Mitarbeiter nicht: Als 'Undercover Boss' – also unerkannt ermittelnder Chef – schaute sich Mika Ramm (44), Mitglied der Geschäftsleitung des Tiefkühl-Spezialisten Eismann, im eigenen Betrieb und an der Haustür bei den Kunden um.

Dabei gewann er erstaunliche Erkenntnisse, die später in die Geschäftspolitik Eingang fanden. Über seinen Rollenwechsel berichtete Ramm jetzt im Allgäuer Medienzentrum Kempten vor den Mitgliedern des Marketing Club Allgäu.

Als junger Mann verdiente sich Mika Ramm nebenher durch den Job als Verkaufsfahrer bei Eismann sein Studium. Er blieb bei der Firma, durchlief verschiedene Führungspositionen und ist seit 2004 Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter des Kundenmanagements und des Kunden-Services. Sein Arbeitsplatz ist ein wohltemperiertes Büro.

Neuer Mitarbeiter Rico Meissner

Dann kam RTL. Der Privatsender war auf der Suche nach einem Chef, der bei der Doku-Serie 'Undercover Boss' mitmacht. Viele Absagen hatte sich RTL schon eingehandelt, weil die meisten Firmenchefs dem Sender nicht so recht trauten, ob das was Seriöses sei. Aber Eismann ging das Wagnis ein und aus Mika Ramm wurde für zehn Tage der neue Hilfsarbeiter Rico Meissner, begleitet von Kameras und einem Film-Team.

Damit die Eismann-Mitarbeiter nicht stutzig wurden, sagte man ihnen, es handle sich um eine Produktion, die zeigen will, wie ein ehemals Arbeitsloser wieder ins Berufsleben zurückfindet.

'Es hat mich wirklich keiner erkannt', blickte Ramm jetzt in Kempten zurück, als er über die Nachtschicht im Tiefkühllager bei minus 28 Grad Celsius berichtete. Er fuhr auch Verkaufstouren mit und plauderte mit den Leuten vom Vertrieb, die über ihre Sorgen klagten.

Banales und Generelles

'Was habe ich mitgenommen?', stellte Ramm die entscheidende rhetorische Frage.

Zunächst einmal ein paar ganz banale Erfahrungen: Manche Umverpackungen auf den Paletten waren so schwer zu öffnen, dass dabei regelmäßig ein paar Kartons mit Tiefkühlware kaputt gingen. 'Das konnten wir relativ schell abstellen', so Ramm.

Etwas mehr Zeit hat das Aufarbeiten eines generellen Problems erfordert, das der Undercover Boss aufgedeckt hat: 'Vieles wird nicht nach oben kommuniziert', weil Mitarbeiter zum Teil aus Angst vor einem Niederlassungsleiter Missstände erst gar nicht angesprochen haben.

Die Lehre daraus war: Eismann richtete ein Kommunikations-Portal ein, auf dem jeder Mitarbeiter etwas reinstellen kann – auch anonym. Ferner installierte das Unternehmen ein eigenes Eismann-TV und wurde unter anderem deswegen 2010 als Top-Arbeitgeber ausgezeichnet.

Um die Probleme des Vertriebs besser in den Griff zu bekommen, gründete Eismann die Firma Direct Scouts. Damit ist es möglich, bei Kundenkontakten an der Haustür nicht nur für die eigenen Produkte zu werben, sondern auch Infomaterial anderer Unternehmen zu verteilen, wie etwa Broschüren eines Automobilclubs.

Und noch etwas hat sich bei Eismann seit der Undercover-Boss-Geschichte verändert: 'Jeder aus dem Vorstand geht jetzt ein oder zweimal pro Jahr mit raus an die Haustür, auch die IT’ler', lacht Ramm, 'und zwar nicht undercover, sondern ganz offiziell.' Denn erst an der Basis würden die meisten Chefs und Abteilungsleiter spüren, wo der Hase im Pfeffer liegt.

Gedenken an Manfred Müller

Vor Mika Ramms Referat hatten die Mitglieder des Marketing Clubs Allgäu mit einer Schweigeminute des am 4. Januar unerwartet verstorbenen Gründungsmitglieds Manfred Müller gedacht. Club-Präsident Ulrich Busch würdigte die Verdienste Müllers, der bis 2004 auch Geschäftsführender Vorstand des Marketing Clubs Allgäu war.

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