Alle Jahre wieder
Einzigartig oder doch altmodisch: Auf den Spuren von alten und neuen Allgäuer Weihnachtsbräuchen

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Haben Sie schon einmal von Rorate gehört? Oder sagt Ihnen das sogenannte Frauentragen etwas? Kein Wunder, wenn nicht. Denn ebenso wie aus dem Heiligen Nikolaus durch Luther das Christkind und schließlich durch Coca-Cola der Weihnachtsmann wurde, haben sich auch die weihnachtlichen Bräuche im Allgäu im Laufe der Zeit verändert.

Anklopfen. Dieses zum Teil von Unterallgäuer Kindern wiederbelebte Ritual wurde von Armen ausgeführt, die von Haus zu Haus zogen. Sie fragten nach Mehl, Zucker, Eiern und anderen Zutaten für das Plätzchen backen. Ohne diese Lebensmittelspenden wäre die weihnachtliche Backstube in armen Familien wohl kalt geblieben. Um die Situation nachzuempfinden, tragen Kinder beim Anklopfen heutzutage abgetragene, löchrige Kleidung. Sie müssen die Bewohner zwar teilweise über den veralteten Brauch aufklären, erhalten dafür dann aber wie früher kleine Gaben und Geschenke.

Backen. Den ganzen Advent laufen die Öfen im Allgäu auf Hochtouren. Weihnachtsstollen, Lebkuchen, Birnenbrot und selbstverständlich Plätzchen in allen Formen und Farben werden von fleißigen Händen angefertigt und gelegentlich schon vor Weihnachten gekostet. Das war jedoch nicht immer so. Ursprünglich sollte das Gebäck durch das frühzeitige Backen für die Weihnachtstage mürbe werden. Andernfalls sei es, wie einst in Allgäuer Mundart so metaphorisch formuliert wurde, 'so gschterr, dass mê d’Zäh dra ausbeißt', also so hart, dass man sich die Zähne daran ausbeißt.

Barbaratag. Der vor allem im Oberallgäu verbreitete Brauch am vierten Dezember betrifft die Frauen. Sie verkleiden sich nämlich mit selbstgebastelten Masken als Bärbele und ziehen im wilden Treiben durch die Straßen. Am Barbaratag wird außerdem vielerorts ein Kirschzweig ins Wasser gestellt, der innerhalb der 20 Tage bis Weihnachten erblühen und für das kommende Jahr Glück verheißen soll.

Baum. Ein Baum zählt zweifelsohne auch bei den Allgäuern zum Weihnachtsbrauch. Statt wie früher den <a href='/1841292'>Baum selbst im Wald zu schlagen</a>, ist die Internetbestellung mit Frei-Haus-Lieferung derzeit hoch im Kurs. Die geschmückten Prachtstücke, allen voran die Nordmanntanne, symbolisieren mit ihrem grünen Erscheinungsbild seit jeher die Hoffnung auf das Neue, das Kommende. Ob symbolbeladen oder nicht, der Weihnachtsbaum schmückt die Wohnzimmer auch im Allgäu bis etwa Dreikönig und wird während dieser Zeit gerne von vielen Besuchern bestaunt und gelobt.

Christbaumloben. Kein Wunder, dass Christbaumloben bei den Allgäuern so beliebt ist. Sie werden dafür schließlich auch belohnt. So ist es nämlich Brauch: Nachbarn, Verwandte, Freunde und Bekannte, alle kommen zwischen dem 1. Weihnachtsfeiertag und Dreikönig und sprechen für jeden noch so mageren oder schiefen Baum ihre Laudatio. Nach einer Belohnung, in der Regel eine Runde Schnaps, wird die feucht-fröhliche "Allgäuer Trendsportart" im nächsten Haus wiederholt.

Fasten. Ebenso wie vor Ostern gab es auch im Advent ab dem 11. November eine 40-tägige Fastenzeit. Dieser Brauch bescherte eine ruhige und besonnene Vorbereitung auf Weihnachten und auf den Jahresausklang. Solidarität und Miteinander rückten mehr in den Vordergrund. Symbolisch brachten die Allgäuer dies durch Strohhalme zum Ausdruck. Für jede gute Tat legten sie einen Halm in das vorbereitete Bett des Christkinds, damit es an Weihnachten nicht frierte.

Frauentragen. Für alle, die mit dem eingangs erwähnten Frauentragen nichts anfangen konnten, kommt nun die Auflösung: Die Allgäuer reichten eine Madonnenstatue von Haus zu Haus. In den Haushalten versammelten sich dann die Familien, um vor der Figur zu beten und Adventslieder zu singen, bevor sie weitergetragen wurde. Wie beim Fasten bereiteten sie sich auf diese Weise auf Weihnachten, auf die Ankunft Christi vor. Dieser Weihnachtsbrauch basiert auf den christlichen Werten und der bäuerlichen Tradition der Allgäuer. Mittlerweile ist er aber in die Jahre gekommen. An seine Stelle trat mancherorts die Herbergssuche von Maria und Josef, lebendig oder mit Holzfiguren nachgespielt.

Klausentag. Als Pendant zum Barbaratag findet am fünften Dezember der Klausentag statt. Für die furchterregenden Kostüme, den Lärm durch Kuhglocken und das Treiben in den Straßen sind an diesem Tag die Männer verantwortlich. Zusammen mit dem guten Geist unter den wilden Gesellen, dem Heiligen Nikolaus, locken die Rumpelklausen vielerorts im Allgäu Jung und Alt zu sogenannten . Eine Neubelebung erfuhr dieser Brauch im Allgäu übrigens im 20. Jahrhundert.

Kranz, Kalender, Krippe – etliche Stunden werden beim Vorbereiten dieser drei Dinge aufgebracht, damit auch in den Allgäuer Haushalten an jedem der vier Adventssonntage eine Kerze auf dem Adventskranz angezündet, jeden Tag ein Türchen vom Adventskalender aufgemacht und an Heiligabend die Weihnachtsgeschichte in der Krippe nachvollzogen werden kann. Die Allgäuer trafen und treffen sich im Advent auch heute noch zum sogenannten Kranzen/Kränzen, also zum gemeinsamen Adventskranz-Binden. Ein Wort, das im Dialekt von Generation zu Generation weitergegeben wird und beweist, dass dieses Ritual nicht erst seit gestern existiert.

Märkte. Wer noch nicht die passenden Krippenfiguren hat, kann sich auf den zahlreichen Märkten im Allgäu umsehen, die seit nunmehr 100 Jahren ein fester weihnachtlicher Bestandteil sind. Kunsthandwerk, Kleidung und Dekoration überwiegend 'Made im Allgäu' gemischt mit weihnachtlichem Duft durch Punsch, Glühwein, Maronen und Co. geben den Weihnachtsmärkten ihr besonderes Flair – einzigartig eben.

Neujahrsblasen. Wie der Name bereits verrät, findet der Brauch an Neujahr beziehungsweise um den Neujahrstag statt. Kleine Delegationen der lokalen Musikkapellen ziehen durch die Ortschaften und spielen an jeder Haustüre ihre Ständchen. In erster Linie geht es um das Spendensammeln für ihren Verein, das leibliche Wohl der Musikanten kommt in der Regel aber auch nicht zu kurz.

Roraten. Einzigartig oder doch altmodisch? Vorweihnachtliche Gottesdienste werden bei dieser Frage heutzutage wohl schnell als altmodisch abgestempelt. Bei Engelsmessen, sogenannten Roraten, sollte die Kategorisierung noch einmal überdacht werden. Als besondere Form der Adventsgottesdienste erleuchten bei Roratemessen auch vielerorts im Allgäu die Kirchen im Schein unzähliger Kerzen. Selbst die heutige abgeflachte Form ist für die Besucher immer noch einzigartig. Das Wort kommt aus der Kirchenmusik. Eine Rorate ist der Beginn eines Wechselgesangs einer Lithurgie.

Weihnachtstrucker. Ein nicht mehr wegzudenkender moderner Brauch im Allgäu sind die . Hilfs- und Spendenbereitschaft par excellence zeigen die Allgäuer schon seit Jahrzehnten und schicken mit unterschiedlichen Organisationen Weihnachtsgeschenke in bedürftige Regionen.

Ob die Allgäuer Weihnachtsbräuche nun altmodisch oder neumodisch sind, aktuell oder fast vergessen, eines steht auf jeden Fall fest: Sie gehören zu Weihnachten mit dazu.

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