Eingezwängt in einem Wrack

Von Richard Mayr | Kaufbeuren Ein Knall. Zwei Autos ineinander verkeilt an der Leitplanke. Jemand schreit um Hilfe. Die Windschutzscheibe zum Mosaik zersprungen. Darauf Blut. Niemand hält auf der Buronstraße. Es ist halb acht abends. 'Hast Du ein Handy dabei', frage ich meine Frau Cornelia Uklei (40) - vor einer halben Stunde haben wir uns noch gesiezt.

Das war in den Räumen des Bayerischen Roten Kreuzes, als wir geschminkt wurden für diese Rettungsübung. Der Wachleiter Josef Kustermann (43) erklärte dort, mit welchen Verletzungen wir zusammen als Ehepaar in diesem Auto sitzen werden: Cornelia und ihr Sohn Jonas (11) mit einem Schock, ich mit einem Wirbelsäulentrauma und Melody Gorke (15), das Unfallopfer im zweiten Wagen, polytraumatisiert - das heißt ohnmächtig. Wir sind für diesen Abend Unfallmimen, damit die gemeinsame Übung der Feuerwehr Kaufbeuren, des Roten Kreuzes und der DLRG möglichst realistisch aussieht.

Autofahrer ignorieren Unfall

Ein Pistolenschuss gibt an der Buronstraße das Startsignal. Zwei Wagen oben an der Brücke verunglückt, einer von der Fahrbahn abgekommen, die Böschung hinabgestürzt, zur Hälfte im Wertachkanal hängen geblieben. Für die Rettungskräfte ein ziemlich komplizierter Einsatz. Insgesamt müssen sieben Verletzte versorgt werden. Zwei Mimen von der DLRG befinden sich in Neoprenanzügen im Wasser, kurz vor dem Ertrinken. Alle warten wir auf den Notruf. Die Autos passieren die Unfallstelle, doch niemand zückt das Handy. Für uns unangenehm, bei Regen in dem Wrack - für einen wirklich Verletzten zum Verzweifeln. Schließlich erbarmt sich jemand von den Organisatoren. Dann gerät das fast schon perfekte Notfallsystem in Bewegung. Mir, eingezwängt im Wrack, kommt es zwar wie eine kleine Ewigkeit vor, tatsächlich vergehen aber lediglich Minuten, bis ein Rettungsassistent vom Roten Kreuz die Unfallstelle sichtet.

Er schaut nur kurz in unseren Wagen, fragt, ob wir alle atmen können. Weitere Einsatzkräfte kommen hinzu. 'Haben Sie Schmerzen?' Ja, sage ich, ein pelziges Gefühl in den Beinen. Cornelia und Jonas werden befreit, beide können sich noch bewegen. Jemand klettert zu mir ins Auto - ein Rettungsassistent, ist ganz ruhig, erklärt mir, dass es noch dauern wird mit der Bergung, weil sie mich wegen der Wirbelsäule nicht herauszerren können.

Ganz kurz nur, geht es drunter und drüber. Immer wieder fragt der Rettungsassistent neben mir nach einem Kollegen. Ruhig, ohne laut zu werden, aber doch bestimmt. Ein paar Minuten später weiß jeder am Unfallort, was er zu tun hat. An den Wracks nur noch Uniformen und Helme. Eine ganze Traube macht sich am Unfallauto von Melody zu schaffen, der Polytraumatisierten.

Der Spreizer wird angesetzt

Franz Settele (38) legt mir eine Halskrause an, setzt mir einen Helm auf. Als Melody geborgen ist, kommen die Feuerwehrleute zu meinem Wagen. Sie setzen jetzt schweres Gerät ein. 'Es kann knallen', sagt Settele. Und es kracht, als das Metall Zentimeter von meinem Kopf entfernt zertrennt wird. Alles geht schnell. Mit der Rettungsschere wird das Dach abgenommen, die Tür mit dem Spreizer geöffnet. Sie schieben mir ein Tragesystem unter den Rücken, heben mich an, aus dem Wagen, auf eine Trage. Im Rettungswagen heißt es dann: 'Jetzt ist Schluss.' Das lief reibungslos.

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