Westallgäu
Einfach da sein

Nicht immer passt es, wenn der Piepser Alarm schlägt. Claudia Arnold ist gerade beim Einkaufen. Die Wurst und der Joghurt sind im Auto verstaut, da erklingt der Ton. Es ist ein heißer Sommertag. In Lindau ist gerade ein Mann verstorben, die völlig hilflose und verstörte Frau bleibt zurück. Claudia Arnold arbeitet seit acht Jahren bei der Notfallnachsorge, früher Kriseninterventionsdienst. 24 Stunden, jeden Tag sind sie und ihre Kollegen vom Roten Kreuz in Bereitschaft, um zu helfen. Ehrenamtlich unterstützen sie Menschen in den schwersten Stunden ihres Lebens.

Wenn plötzlich durch einen Verkehrsunfall der Sohn ums Leben kommt, der Ehepartner unerwartet stirbt oder die kleine Tochter den plötzlichen Kindstod erleidet.

Das Team der Notfallnachsorge wird von der Polizei, der Feuerwehr oder dem Rettungsdienst über die Rettungsleitstelle alarmiert. «Im Jahr haben wir zwischen 60 und 70 Einsätze», sagt Alexander Schweiger, der Leiter der Notfallnachsorge. Seit vier Jahren engagiert sich der 40-Jährige. Hauptberuflich ist er Buchhalter beim Roten Kreuz in Lindau.

Einen typischen Fall gibt es für das siebenköpfige Team der Notfallnachsorge nicht. «Wenn Menschen trauern, ist jedes Verhalten und jede Reaktion normal», ist Arnold überzeugt. Jeder Mensch trauert anders, das erleben die Mitarbeiter der Notfallnachsorge immer wieder bei ihren Einsätzen.

Doch eines haben sie dabei immer wieder festgestellt: «Oft hilft es, sich vom Toten zu verabschieden.» Den Menschen noch ein letztes Mal zu sehen, noch einmal mit ihm zu sprechen, helfe auch den Tod zu begreifen. «Wir begleiten die Hinterbliebenen dabei, wenn sie das wollen», sagt Schweiger.

Menschen stehen unter Schock

Oft geht es für Schweiger und seine Kollegen aber darum, einfach da zu sein. «Manchmal muss man auch aushalten können, dass man gerade nichts tun kann», sagt der 40-Jährige. Fast immer versuchen sie jedoch Angehörige oder Freunde zu informieren. «Das ist gar nicht so einfach. Denn die Menschen stehen unter Schock. Da wissen sie oft nicht mehr, wie sie ein Telefon bedienen sollen», erzählt Arnold von ihren Erfahrungen.

In ein paar Stunden erfahren Schweiger und seine Kollegen oft ein ganzes Leben. Sie spüren die Spannungen, die oft in der Luft liegen. Sie erleben Trauer, Wut und Verzweiflung. «Vor allem Gespräche helfen um damit fertig zu werden», sagt Schweiger und seine Kollegin Arnold nickt und fügt hinzu: «Mitfühlen, aber nicht mitleiden. Wenn uns so ein Einsatz kalt lassen würde, wären wir auch falsch.» Trotzdem ist es wichtig für die Helfer, zu Hause abzuschalten. «Wenn ich dann meine Rot-Kreuz-Jacke ausziehe, streife ich damit auch meinen Dienst ab», sagt Schweiger.

In vielen Stunden ihrer Freizeit kümmern sie sich ehrenamtlich um trauernde Menschen. «Ich werde schon ab und zu gefragt, warum ich mir das antue», sagt Claudia Arnold ganz offen. «Für mich ist das christliche Nächstenliebe», erklärt sie. Die Motivation für diese oft schwierige und belastende Arbeit ist eine ganz persönliche. «Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, wie es ist, ganz alleine da zu stehen», erzählt die dreifache Mutter. Damals hat sie sich vorgenommen, wenn es ihr wieder gut geht, will sie anderen Menschen beistehen. «Man bekommt auch was zurück», fügt Schweiger hinzu.

Als Claudia Arnold an diesem Abend von Lindau wieder nach Hause fährt, ist es beinahe Mitternacht. Sie hat die Frau getröstet und gewartet, bis ihr Bruder da war. Joghurt und Wurst in ihrem Kofferraum sind inzwischen verdorben, darüber kann die 45-Jährige heute lachen. «Das gehört zu unserer Arbeit einfach dazu.»

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