Kaufbeuren
Eine Weihnachtsbotschaft, die direkt ins Herz geht

Der Bitte des Hausherren, nach den einzelnen Stücken ausnahmsweise nicht zu klatschen, war nur schwer nachzukommen. Doch dafür fiel der Schlussapplaus in der Dreifaltigkeitskirche umso heftiger aus. Tosend bedankte sich das Publikum bei der Stadtkappelle Kaufbeuren für ihr traditionelles Weihnachtskonzert. Wenige Tage vor Heilig Abend überbrachte das Blasorchester mit seiner Musik eine Weihnachtsbotschaft, die im Unterschied zur biblischen Weihnachtsgeschichte keinen Umweg machen muss, sondern «direkt ins Herz geht», wie Pfarrer Martin Rehner bei der Begrüßung betonte.

Rehner selbst hatte zwei ungewöhnliche Weihnachtsgeschichten zum Konzert mitgebracht: Eine bittere Erinnerung an Weihnachten 1945 mit einem glücklichen Ende in unseren Tagen und die «Bremer Stadtmusikanten» als Gleichnis für Solidarität und Nächstenliebe. Ergänzt wurden Rehners Beiträge durch kurze, sinnige Weihnachts-Texte, die Gertrud Gellings vortrug. Die Hauptrolle aber spielte die in großer Besetzung angetretene Stadtkapelle Kaufbeuren, der unter der Leitung von Wolfgang Wagner mit der «Weihnachtsouvertüre» von Roland Kernen gleich ein schöner Auftakt gelang. Überaus kraftvoll ging es bei «Jesus bleibet meine Freude» weiter. Es war schon beeindruckend, wie lässig die großen Dynamik-Sprünge dieser von Alfred Reed arrangierten Bach-Kantate gemeistert wurden. Barocke Fröhlichkeit gemischt mit orientalischen Klängen hielt Opernkomposition «Der Kalif von Bagdad» bereit.

Dass auch beim furiosen Finale und unter vehementen Bläser-Einsätzen jedes kleine Detail erhalten blieb, hätte wohl auch dem französischen Schöpfer des Stücks, François-Adrien Boïeldieu, gefallen.

Brahms und Mahler

Waren es klamme Finger oder die lange Spielpause für die Weihnachtsgeschichten? Ausgerechnet bei einem der schönsten Stücke des Abends, dem sehr getragenen und mächtigen «Schlafe sanft mein Kind» von Johannes Brahms, schlichen sich kleine Intonationsschwächen ein. Winzige Unsicherheiten, die auch beim darauf folgenden Blasmusik-Arrangement von Georges Moreau noch nicht ganz verflogen waren: Die Frage, ob sich der erste Satz aus Gustav Mahlers gewaltiger und extrem kontrastreichen 3. Symphonie überhaupt für ein Blechbläser-Ensemble eignet, muss also weiter offen bleiben.

Der luftig-leichte und sehr flotte musikalische Gegenpol zu Mahlers großem Adagio machte die kleinen Schnitzer aber umgehend wieder wett: Mit «Marys Boy Child» von Jester Hairston hielt auch der typische «Jingle-Bells»-Sound amerikanischer Prägung fröhlichen Einzug in die voll besetzte und geschmückte Kirche. Sehr schön umgesetzt wurde auch Frank Tichelis «Shenandoah». Wer die Augen schloss, konnte sich bei diesen Klängen aus den USA in die unendliche Weite der Prärie versetzen. Rhythmisch um einiges herausfordernder trabte danach ein ganz besonderes Rentier durch den weihnachtlichen Schnee: «Rudolph, the red-nosed Reindeer».

Dass Freek Mestrinis «Fröhliche Weihnachten» (ein Medley der schönsten Weihnachtsmelodien) und der Welterfolg «White Christmas» von Irving Berlin auch auf der jüngst eingespielten CD der Stadtkapelle zu hören sind (wir berichteten), war schon bei den ersten Takten zu spüren. Der Sound wirkte wie aus einem Guss, extrem sicher, schwungvoll und nuanciert - hier zeigte die Stadtkapelle, was wirklich in ihr steckt. Ganz ohne Zugabe durfte auch das Weihnachtskonzert 2009 nicht zu Ende gehen: Mit einem auf der Empore postierten Trompeter und einem sehr gefühlvollen «Stille Nacht, heilige Nacht». Otto Fritsch

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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