Eine musikalische Verführung

Von Irmtraud Brunk
| Kempten Vielversprechend startete der Meisterkonzert-Zyklus in die neue Spielzeit des Theaters in Kempten. Mit dem Kammerorchester «Arpeggione» (Hohenems) erlebte man Gäste, die von früher in bester Erinnerung waren, mit «Die neun Jahreszeiten» ein Programm außerhalb des Üblichen, und mit Lisa Batiashvili, ausgezeichnet mit dem «Echo Klassik», eine attraktive Solistin, deren Geigenkünste das Publikum von den Sitzen hob.

Neun Jahreszeiten? Die Aufgabe war leicht gelöst mit zwei Zyklen von je vier Jahreszeiten, erstens der Allvertraute von Antonio Vivaldi, zweitens eine Jahreszeiten-Serie von Astor Piazzolla. Eine zusätzlich optische «Jahreszeit» fügte der Pantomime Dominic Fischer den Concerti grossi von Vivaldi ein: Poetisch-tänzerische Szenen, in denen der Marcel-Marceau-Schüler die Lebensalter vom Jüngling bis zum Greis darstellte. So erfrischend es ist, wenn herkömmliche Konzert-Riten aufgebrochen werden, wurde diese Pantomime doch eher verhalten honoriert. Vivaldis Zyklus mit seinen naturhaften Imitationen steht jeder Fantasie offen, bedarf also keiner Zutat. Besonders in einer so vital-barocken Interpretation wie durch «Arpeggione» mit seinem Konzertmeister Robert Bokov als Solisten.

Vivaldis leicht eingängige, doch nie banale Klangzauberei wurde durch ein klares, straffes, kraftvolles Spiel entfaltet mit feinen, stets mit einem Lächeln weitergereichten Übergängen zwischen Solo- und Orchesterstimmen, temperamentvoll virtuos im Zugriff, aber auch mit seidenzarten Kantilenen als Intermezzi.

Tango ist viel mehr als Folklore

Der zweite Programmteil bot eine echte musikalische Verführung. Er war dem argentinischen Komponisten Astor Piazzola gewidmet, und das bedeutet Tango.

Dass dies in diesem Fall aber weit mehr bedeutet als reine Folklore, demonstrierte «Arpeggione» mit der fantastischen Geigerin Lisa Batiashvili nachdrücklich im Jahreszeiten-Zyklus, bearbeitet für Solovioline und Streicher von Gidon Kremer. Zur Einstimmung erklang das kurze Konzertstück «Winter» aus Piazzollas «Jahreszeiten» (Bearbeitung: Marcelo J. Nisinman). Mit seinen Schnitten zwischen Bandoneon, Klavier und Violine gemahnte es an Filmmusik. Den wimmernd-melancholischen Klangcharakter des von deutschen Instrumentenbauern entwickelten Bandoneons erlebte man pur in «Adios Nonino».

Aufgeheizt durch eine unheimliche Intensität und Spannung schlugen die Interpreten das Publikum sofort in den Bann bei Piazzollas Jahreszeiten-Reigen, dessen klangsinnlich-farbige und rhythmisch mitreißende Musik durch Batiashvili große Ausstrahlung erhielt. Vertrauend auf eine stupende Technik und den vollblütigen Klang ihrer Stradivari bot sie - und mit ihr das glänzend aufgelegte Kammerorchester - ein Wechselbad zwischen peitschenden Glissandi und zigeunerisch-schmeichelnden Kantilenen, zwischen hart und frech gehämmerten Synkopen und verruchter Laszivität. Das hatte so viel mitreißende Kraft, einschließlich des Charmes kleiner Vivaldi-Zitate, dass sich das Publikum der Spannung schon mal mit einem Zwischenbeifall entledigen musste.

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