Erinnerung
«Eine Brücke zum Heute schlagen»

Die Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 und der damit verbundene Auftakt zur offenen Verfolgung von Juden, Sinti, Roma und Behinderten durch die Nationalsozialisten, gehört zu den Anliegen des DGB- Kreisverbands Kaufbeuren. Zusammen mit der Kaufbeurer Initiative für Frieden, internationalen Ausgleich und Sicherheit (Kifias) und der Ortsgruppe von Amnesty International veranstaltete er die traditionelle Gedenkfeier in Steinholz.

Auf dem KZ-Friedhof fanden sich in diesem Jahr besonders viele Akteure und Zuhörer ein. «Dieses breite Aktionsbündnis zeigt uns, wie groß das Interesse ist», freute sich der DGB-Ortsvorsitzende Paul Meichelböck. «Zwischen der NS-Zeit und heute liegen zwei Generationen. Für die jungen Leute ist die Erinnerung nicht so einfach», so seine Stellvertreterin Beatrice Altman-Schewitz. «Wir können die Pogromnacht nicht ungeschehen machen, aber aus dem Handeln lernen.» Umso wichtiger ist es für sie, «eine Brücke zum Heute zu schlagen» und Zivilcourage zu zeigen.

«Bei Gleichaltrigen das Bewusstsein erwecken, dass Antisemitismus auch hier in Kaufbeuren stattgefunden hat», ist das Anliegen der «Salzstreuer», die sich vor vier Jahren gegründet haben, so ihr Sprecher Philipp Meier. Er zeigte sich besonders schockiert davon, mit welcher Gehässigkeit heute Behinderte von einigen seiner Altersgenossen betrachtet würden. Schlagworte, mit denen Bürger heute wie gestern ihre Tatenlosigkeit und mangelnde Zivilcourage begründen, lieferten die drei Vertreter von Amnesty International. Auch sie zeigten die Aktualität des Themas anhand der immer noch bestehenden Vorurteile gegenüber den Sinti und Roma auf.

Denkanstöße aus dem Leben

«Der Geist der Gewalt wächst immer mehr, die Demokratie wird immer unwichtiger», formulierte Werner Pohl, der Leiter der Jakob-Brucker-Theatergruppe «Moskito», seine Ängste. Eindrucksvolle Denkanstöße zu diesem Thema aus dem täglichen Leben lieferten dann die «Moskito»-Darsteller.

Hauptrednerin Barbara Lochbihler lobte die «Erinnerungskultur» der Gedenkfeier-Besucher. Bei ihrem Rückblick auf die Geschehnisse in Steinholz erinnerte die Abgeordnete des Europaparlaments an die rund 1000 Insassen des KZ-Außenlagers bei Kaufbeuren. Zu wissen, dass man bei seinem Gedenken nicht alleine ist, sei ein wichtiger Aspekt solcher Feiern. Wie aktuell das Thema Antisemitismus heute ist, zeige auch ihre Arbeit im Europarlament, in dem auch rechtsextreme Abgeordnete vertreten sind. «Wir müssen konkret auf das Jetzt schauen und einen Bezug zur Vergangenheit stellen», so Lochbihler.

«Offenheit und kritisch sein», dazu rief auch Gabi Farberov auf. Die Israelin doziert an der Hochschule Tivan und hat selbst Angehörige im Holocaust verloren. Wie sich Antisemitismus anfühlt, musste die in Riga geborene Jüdin am eigenen Leib erfahren. «Never again» (nie wieder), lautete ihr Appell an die gebannt lauschenden Zuhörer. Zum Anschluss an die Gedenkfeier fand ein Diskussionsabend mit Lochbihler im Mauerstettener «Sonnenhof» statt. (agi)

 

Besonders viele Akteure und Zuhörer fanden sich zur diesjährigen Gedenkfeier an die Reichspogromnacht von 1938 auf dem KZ-Friedhof in Steinholz ein. Foto: Theresa Serafin

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