Lindau
Ein Trauma, das für immer bleibt

Sie haben ein gemeinsames Schicksal, sind Teil eines dunklen Kapitels der deutschen Geschichte: «Und noch heute halten wir zusammen», sagt Hanna Travova aus Prag. Mit «wir» meint Travova die noch rund 500 Lebenden, die als Kinder und jugendliche Gefangene in Theresienstadt (heutiges Tschechien) waren - einem Konzentrationslager der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg. Auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werks sind momentan zwölf von ihnen zu Gast im Landkreis Lindau: elf Frauen und ein Mann aus Tschechien im Alter von 79 bis 93 Jahre - alle jüdischen Glaubens.

Die Organisation des Besuchs liegt in den Händen von Peter Schneider aus Wasserburg. Er steht in engem Kontakt mit dem Maximilian-Kolbe-Werk. Seit drei Jahren kommt einmal im Jahr eine kleine Gruppe in den Landkreis; auf dem Programm stehen Tagesausflüge in die Schweiz, zum Schloss Neuschwanstein oder auf den Pfänder. «Es ist wichtig, an diesen Teil der deutschen Geschichte zu erinnern», sagte Landrat Elmar Stegmann bei Begrüßung der Gäste im Rokokosaal auf der Lindauer Insel.

Die meisten der Überlebenden sprechen auch nach fast 70 Jahren noch Deutsch; und sie sprechen offen über das, was sie ein Leben lang begleitet hat. Hass auf die Deutschen verspüre sie nicht. «Aber auf das damalige System», sagt Hanna Travova.

Die mittlerweile 84-Jährige hat alles an die Nazis verloren: Zunächst wertvolle Teppiche, das Recht auf Schulbesuch, dann die Freiheit und «alles Persönliche»; letztlich ihre gesamte, große Familie. «Ich allein habe überlebt», sagt sie.

Noch heute bestimmen die drei Jahre Aufenthalt im Ghetto ihr Leben - jeden Tag, wie Travova sagt. Sie spricht von einem Trauma, das man nie mehr los wird. Es gab kaum Wasser; keine Möglichkeit, sich zu waschen. In der dünnen Suppe war nur selten ein Stückchen Kartoffel zu finden; in den Sälen alter Kasernen waren Pritschen auf drei Ebenen angebracht - in manchen Räumen waren 300 Leute wie Vieh zusammengefercht. Das Schlimmste, so Travova, sei die Ungewissheit gewesen. «Keiner wusste, was morgen kommt. Es gab Transporte und niemand kehrte zurück. Wir wussten: Theresienstadt ist erst der Anfang.»

Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, sagt Edith Kosinova. Auch sie stand auf der Liste der Nazis; wurde als 19-Jährige nach Theresienstadt deportiert. «20 Kilogramm Gepäck durfte man mitnehmen. Alles andere musste man zurücklassen», sagt sie. Viele Tausende hat sie sterben sehen. Medikamente gab es kaum. Hinzu kam die Unterernährung. Die heute 88-Jährige arbeitete im Lager als Krankenschwester - ein Privileg, das sie vor dem Weitertransport in Vernichtungslager wie Auschwitz oder Majdanek schützte. Das wäre ihr Todesurteil gewesen - ein Schicksal, das mehr als 88000 der insgesamt rund 141000 Gefangenen ereilte.

Trotz all der schrecklichen Erinnerungen kann Hanna Travova dem Erlebten Positives abgewinnen. «Man lernt, das Leben mehr zu schätzen», sagt sie. Und sie weiß, dass man sich wehren muss, dass Zusammenhalt ganz wichtig ist. Ihr war es wichtig ihre Kinder so zu erziehen, dass «so etwas» nie mehr passieren kann.

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