Ein Sport für Reiche - oder Idealisten

Von Michaela Behr Allgäu Wer Schlittenhunderennen fährt, der muss heute entweder reich oder Idealist sein. Noch besser: Er ist beides. Wehmütig blickt Blasius Bernhard, Vorsitzender des Allgäuer Schlittenhundesportvereins (ASSV), zurück auf alte Zeiten. 45 Mitglieder zählt der Verein heute, nur eine Hand voll nimmt an Rennen teil. In den 90er Jahren waren es doppelt so viele Mitglieder, 22 starteten bei Rennen.

Vor allem scheitert’s heute am Geld: 'Früher gab es hohe Preisgelder, das Hundefutter wurde von Sponsoren finanziert', erinnert sich der 46-jährige Ollarzrieder (bei Ottobeu-ren), der 2001 in Alaska Weltmeister wurde. 'Heute gibt’s keinen Einzigen, der sein Hundefutter nicht selbst kauft.' Zudem haben viele Kommunen die Hundesteuer erhöht. Vor einem Jahr beschloss Bernhard aus Zeit- und Geldgründen mit Wettkämpfen aufzuhören. 'Ich hätte sechs neue Hunde kaufen müssen, meine Tiere sind zu alt', erzählt er.

Reinrassige Schlittenhunde mit Chance im internationalen Wettkampf kosten bis zu 3000 Euro pro Tier, schätzt der Unterallgäuer. Hinzu kommen Kosten für Versicherung, Steuer, Tierarzt - noch einmal 500 Euro pro Hund im Jahr. Weitere 2000 Euro veranschlagt der 46-Jährige für Schlitten, Kufen und Geschirre. Zudem sei ein ausgebautes Auto oder ein Hundeanhänger nötig. 'Damit ist der Schlittenhundesport für einen jungen Menschen unmöglich finanzierbar.'

Bernhards Hoffnung auf Nachwuchs: Schlittenhundesportler, die ihre Kinder für das teure Hobby begeistern und ihr Training finanzieren. Anna (13) und Lucas (10) Kurpas vom TSV Günzach sind ein Beispiel. Im vergangenen Jahr wurden sie deutsche Meister im Bike-Jöring (Mountainbiker und Hund). An den Start gehen die Beiden mit den Tieren von Vater Oliver.

Eine Finanzierungsmöglichkeit: Der Schlittenhundesportler züchtet selbst Tiere - wie der Vize-Europameister in der Mitteldistanz aus Ottobeuren, Tom Andres. Mit einem Wurf pro Jahr kann er drei bis vier Tiere verkaufen. 'Ohne Zucht wäre der Sport ein reines Draufzahlgeschäft', sagt er. Der einstige Vize-Europameister Mitteldistanz (2002), Uwe Frühauf aus Weinried (Unterallgäu), finanziert den Sport, indem er - als gelernter Schreiner - Equipment für den Schlittenhundesport herstellt. 'Ich baue Schlitten und fertige Zubehör wie Zugleinen. Außerdem baue ich Autos entsprechend aus. Ohne das, könnte ich mir den Sport nicht leisten', sagt der 43-Jährige.

Und auch, was das Training im Allgäu angeht, wird es den Sportlern laut Bernhard nicht leicht gemacht: Im Allgäu gebe es keine längere Trainingsstrecke. Zwar besteht in Bayern das Recht, Wald- und Flurwege zu nutzen. Aber: Sobald Wiesen von Bauern überquert werden, bedarf es einer Genehmigung. 'Zweimal habe ich Anträge auf Trainingsstrecken beim Landratsamt Oberallgäu eingereicht, beide wurden abgelehnt', sagt er. Um zu trainieren, fuhr er bis zu 250 Kilometer.

Das sei nicht nötig, stellt Michael Hederich, 36 Jahre, aus Sulzberg klar. Er habe sich mit Gemeinden privat abgesprochen, sagt der 3. Deutsche Meister, und könne durchaus im Allgäu trainieren. Dafür zahle er und nehme gelegentlich Touristen im Schlitten mit. Kürzlich sei er mit seinen Hunden in der Grundschule gewesen. Im Frühjahr plane er eine Müllsammelaktion auf der Trainingsstrecke.

Zersplitterte Wettkampfsszene

Kritik übt der Sulzberger zudem an der Wettkampfsszene: Mit drei Dachverbänden sei die deutsche Hundeschlittensport-Szene extrem zersplittert - die Verbände nehmen sich bei den Wettkämpfen die Starter gegenseitig weg. Um die Zukunft des Schlittenhundesports aus finanzieller Sicht macht er sich hingegen keine Sorgen: 'Die Tendenz geht zu kleineren Gespannen', sagt er. Ein Skijörer etwa brauche nur ein oder zwei Hunde - wie ein 'normaler' Hundehalter auch.

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