Ein Oberbürgermeister, der die Nachkriegszeit prägte

Von Manfred Heerdegen
| Kaufbeuren Als «Insel der Seligen und eine Oase der Ruhe» erlebte der neu gewählte Kaufbeurer Oberbürgermeister Dr. Karl Wiebel die Stadt bei seinem Amtsantritt im Jahre 1948. Tatsächlich aber befand sich Kaufbeuren mit damals 19000 Einwohnern bereits auf dem Weg des Wandels von der kleinstädtischen Idylle der Vorkriegszeit zur aufstrebenden Mittelstadt. Bis zum Ende von Wiebels politischem Wirken im Jahre 1970 stieg die Einwohnerzahl Kaufbeurens auf 40000. Trotz der tief greifenden Veränderungen in der ehemaligen Reichsstadt während seiner Amtszeit ist die Erinnerung an den aus Altbayern stammenden Oberbürgermeister mittlerweile verblasst.

Dr. Karl Wiebel wurde vor 100 Jahren, am 3. Dezember 1908, in Unterhaching bei München geboren. Nach dem Besuch der Oberschulen in Wasserburg am Inn und Rosenheim studierte er an der Universität München. Ab 1936 war der promovierte Jurist als Rechtsanwalt in der bayerischen Landeshauptstadt tätig. Während des Zweiten Weltkriegs diente er als Soldat. Mit 37 Jahren wurde der parteilose Wiebel 1946 in seiner Wahlheimat Freising zum Oberbürgermeister gewählt. Zwei Jahre später verhinderten politische Querelen seine Wiederwahl durch den Stadtrat. Daraufhin bewarb sich Wiebel in Kaufbeuren um die Nachfolge des nach Kempten abgewanderten Dr. Georg Volkhardt. Am 11. August 1948 wählte ihn der Kaufbeurer Stadtrat zum neuen Oberbürgermeister der Wertachstadt.

17000 Vertriebene kamen

Wiebel übernahm das Amt unter den schwierigen Bedingungen der unmittelbaren Nachkriegszeit. Bis 1961 nahm Kaufbeuren insgesamt 17000 Vertriebene auf, mehrheitlich Sudetendeutsche aus dem Raum Gablonz. Während der 1950er Jahre stellten die Neubürger zeitweise sogar mehr als die Hälfte der Kaufbeurer Einwohner. Obwohl der Bevölkerungszuwachs zunächst als kaum zu bewältigende Last galt, trugen gerade die Gablonzer und ihre Industrie maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufschwung Kaufbeurens bei.

Die ständig steigenden Einwohnerzahlen der Kernstadt sowie des neuen Stadtteils Hart (ab 1952: Neugablonz) machten den Ausbau und die Modernisierung der kommunalen Infrastruktur unumgänglich. Vor allem galt es, die Wohnungsnot zu beheben. Dies geschah in Neugablonz, aber auch durch die Erschließung weiterer Neubaugebiete am Rand der Kernstadt (zum Beispiel Otto-Müller-Wiese, Wertachschleife, Leinauer Hang, Im Haken). Die historische Altstadt umfasste 1965 nur noch ein Siebtel der bebauten Fläche Kaufbeurens. Während der 1960er Jahre wurden außerdem die Netze der Strom-, Gas- und Wasserversorgung großzügig erweitert. Ferner entstanden neue Straßen, Schulen, Kindergärten und Kirchen.

Oberbürgermeister Wiebel wirkte gemeinsam mit seinem langjährigen hauptamtlichen Stellvertreter Oswald Wondrak (bis 1945 Bürgermeister der Stadt Gablonz) im Sinne des Ausgleichs zwischen den Stadtratsfraktionen sowie zwischen Alt- und Neubürgern.

Zeitgenossen bescheinigten dem parteilosen Oberbürgermeister Weitblick, Humor und Augenmaß. Als «absoluter Souverän der alten Sorte» (so charakterisierte ihn ein ehemaliger Stadtrat) traf er auch unpopuläre Entscheidungen, wenn sie ihm notwendig schienen. In den Jahren 1952, 1958 und 1964 wurde er von der überwältigenden Mehrheit der Kaufbeurer Wähler in seinem Amt bestätigt.

Dr. Karl Wiebel beendete seine Tätigkeit als Oberbürgermeister der Stadt Kaufbeuren am 30. April 1970. Bei der Amtsübergabe an den gewählten Nachfolger Rudolf Krause zog er eine positive Bilanz seiner 22 Amtsjahre und bezeichnete Kaufbeuren als eine Stadt, «die man lieben muss und in der es sich leben lässt.»

Der verdienstvolle Kommunalpolitiker verbrachte seinen Ruhestand auf dem Eulenhof bei Sulzberg im Oberallgäu. Dort starb der ehemalige Oberbürgermeister am 28. Juli 1985 im Alter von 76 Jahren.

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