Opfenbach
Ein Nachmittag gegen das Vergessen

Renate Stein (Name von der Redaktion geändert) ist nervös, die Hände zappeln. Sie hat Angst, dass ihr Mann sie vergessen hat; sie nicht abholen kommt. In regelmäßigen Abständen fragt sie nach ihm. Die Antwort lässt sie nur für wenige Minuten ruhiger werden. Und wie heißt das noch, wo sie gerade bei Kaffee und Kuchen sitzt? «Café Lichtblick. In Opfenbach», antwortet Elke Gerlach neben ihr zum fünften Mal an diesem Nachmittag. Gerlach ist Leiterin einer neuen Betreuungsgruppe für Menschen mit Demenz. Sie trifft sich immer montags von 14 bis 17 Uhr im Seniorenheim St. Severin in Opfenbach.

Es erfordert genaues Zuhören, um zu merken, dass das Café Lichtblick mehr ist als ein Seniorentreff, bei dem in lockerer Atmosphäre geratscht wird. Alle Besucher sind krank - wenn auch in unterschiedlichen Stadien. Sie haben eines gemein: das Vergessen. Den Namen ihres Tischnachbarn etwa, welchen Kuchen sie gegessen haben oder dass sie eine Geschichte nach einer halben Stunde zum zweiten Mal erzählen. Daheim ist der Herd abgeklemmt - zu groß ist die Gefahr, dass eine Platte unbemerkt anbleibt; eine der Besucherinnen wartet täglich darauf, dass ihr erwachsener Sohn aus der Schule kommt.

Was bleibt, sind Erinnerungen «an damals» - an die kleine Wohnung über der Gemeindeverwaltung in Bremenried (Gemeinde Weiler-Simmerberg); an die sieben Jahre in Frankreich - «das Französisch ist noch immer da» - oder an den dreijährigen Aufenthalt in einem jugoslawischen Arbeitslager.

Eigene Sinne erleben

Die Besucher sollen sich wohlfühlen und erzählen, sagt Gerlach. «Wir wollen sie nicht auf Defizite hinweisen, sondern sie so nehmen, wie sie sind», so die examinierte Altenpflegerin. Gemeinsam mit Ursula Goldschmid, eine ehrenamtliche Demenzhelferin, versucht Gerlach, den Demenzkranken mit Einfühlungsvermögen und Zuhören einen «angenehmen Nachmittag» (Gerlach) zu bereiten. Ein starres Konzept gibt es nicht.

Je nach aktueller Konzentrationsfähigkeit der Besucher stehen Themen wie Tiere oder Obst auf dem Programm, wobei es beispielsweise bei Geschmacksproben um das Erleben der eigenen Sinne geht.

«Ich mag das Leben, das Leben mag mich und wenn mein Mann mich auch noch mag - dann ist alles in Ordnung», sagt eine Besucherin des Café Lichtblick. Sie ist zum ersten Mal da, ihren Ehemann an ihrer Seite. «Für viele ist es wichtig, dass ein Angehöriger am Anfang dabei ist», sagt Irmgard Wehle von der Caritas-Sozialstation Westallgäu. Neue Umgebung, neue Leute - das alles prägt sich nur langsam ein. Die Erkrankten können sich an Gesichter erinnern, an den Raum, sagt Gerlach. Bei Namen, Zeit und Ortsangaben werde es schwierig.

Beim nächsten Treffen sind die meisten wieder dabei beim Café Lichtblick; sie lachen, unterhalten sich, manche hören einfach nur zu. Irgendwann wird Renate Stein nervös werden; auf dem Stuhl hin- und herrutschen. Holt ihr Mann sie heute ab?

Informationen und Anmeldung bei Irmgard Wehle-Woll von der Caritas-So-zialstation Westallgäu unter Telefon (08381) 920916.

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