Kempten
Ein Mann mit Stehvermögen

Er steht gleich neben dem Schreibtisch, auf dem sich lose Blätter zu Türmchen stapeln, gluckst vor sich hin und gibt ein sanftes Summen von sich: Ohne diesen Flüssigsauerstoffbehälter, von dem ein Gummischlauch direkt in seine Nase führt, könnte Dr. Franz Tröger diesen Tag nicht sonderlich gut überstehen. Und auch kein Interview geben, bei dem er stundenlang reden muss. «Die Pumpe will nicht mehr so recht», klagt der Kemptener Konzertveranstalter. Doch nachdem er ein paar Minuten von seiner leistungsgedrosselten Lunge erzählt hat und den sonstigen Wehwehchen, die für gewöhnlich einen 74-Jährigen plagen, lächelt er und macht eine zackige Handbewegung - was so viel heißen soll wie: «Lassen Sie uns über etwas anderes reden.»

Die Zeit im Leben des Franz Tröger ist kostbar. Überhaupt in diesen Tagen von «Fürstensaal Classix» in Kempten, in denen er als Organisator beinahe rund um die Uhr gefordert ist. Ein Festival, das vor vier Jahren seine Geburtsstunde erlebte. «Bei einem Zwiebelrostbraten», wie sich Tröger erinnert. Am Tisch saß auch Oliver Triendl, ein Pianist und kreativer Kopf, der wie Tröger beseelt ist von der Musik. Sie nahmen sich vor, im Fürstensaal der Kemptener Residenz eine Konzertreihe mit außergewöhnlicher Kammermusik auf die Beine zu stellen. Heute strahlt das Festival, das selten gehörte Werke offeriert oder mit öffentlichen Proben und renommierten internationalen Musikern lockt, weit über die lokalen Grenzen hinaus.

Griff in den eigenen Geldbeutel

Darauf darf Tröger stolz sein. Der Weg war steinig, wie sooft in diesem Geschäft. Da bleiben Nerven auf der Strecke. Und viele Euros. Denn anfangs blieben viele Stühle unbesetzt. «Man braucht Beharrlichkeit», sagt Tröger. «Und Stehvermögen.» Ob das wirklich alles ist, um auf dem Schleudersitz eines Konzertveranstalters Platz zu nehmen? Um ein Wagnis in Angriff zu nehmen, von dem man weiß, dass es auch in die Hosen gehen kann?

Es gibt genügend Konzertveranstalter, die richtig viel Geld in den Sand setzten. Natürlich hat auch Tröger von solchen Kollegen gehört.

Gleichwohl klopfte er vor über 45 Jahren beim Kemptener Oberbürgermeister an, der damals August Fischer hieß, und fragte ihn: «Würden Sie mich bei einer Konzertreihe unterstützen?» Fischers Antwort: «Das brauchts nicht.» Trögers Reaktion: Er organisierte das Ganze dennoch - und griff in die eigene Tasche.

Warum? Vermutlich weil Franz Tröger nicht anders kann. Wer sich seine Vita vorknöpft, stellt sich die Frage: Wann schläft der Mann? Nach dem Studium (Volkswirtschaft, Maschinenbau) kehrte er zurück in die Heimat, um in die elterliche Firma mit zeitweise 200 Mitarbeitern einzusteigen.

Er promovierte, baute eine weitere Firma in Griechenland auf, ließ sich in den Stadtrat wählen, tuckerte abenteuerlustig mit einem alten Auto drei Mal nach Nepal, organisierte Konzerte.

«Die tägliche Arbeit», sagt Tröger, «strukturiert mein Leben.» Er feiert nächstes Jahr zwar den 75. Geburtstag, im Ruhestand befindet er sich aber nicht - mit Ehefrau Silvia führt er ein Immobilien-Unternehmen.

An diesem Tag kommt es besonders dick. Von 8 bis 11 Uhr Geschäftstermin im Unterallgäu, danach das Gespräch mit dem Reporter. Am Nachmittag Büroarbeit und Betreuung der Musiker beim Classix-Festival, dann das abendliche Konzert, mit anschließendem Hock im Kreise der Musiker.

Schreckensmeldung am Morgen

Wer ausgefüllte Tage wie er braucht wie die Luft zum Atmen, so scheint es, wird auch immer wieder ein heißes Eisen anpacken. Schon am frühen Morgen dieses Tages hat ihn eine Schreckensmeldung erreicht: Die Sopranistin, die am Abend Schostakowitschs Romanzen-Suite hätte singen sollen, ist untröstlich: Ihre Stimme ist über Nacht gekippt. Ein Infekt, eine Dehnung der Stimmbänder? Man weiß es noch nicht. Fakt ist, dass sie nicht auftreten kann. Tröger und Oliver Triendl stecken die Köpfe zusammen und suchen nach Alternativen.

Man hat nicht das Gefühl, dass der Behälter neben ihm mit den Schläuchen nach dieser Hiobsbotschaft mehr Sauerstoff in die Nase pumpen muss als zuvor. Tröger bleibt in der Ruhe, obgleich er ein emotionaler Mensch ist, der sich über vieles aufregen kann. Über Künstler, die nur absahnen wollen. Oder über Musikfestivals, die nicht nach Qualität schauen, sondern nur Massengeschmack bedienen.

Aber auch er, sagt Franz Tröger und lächelt, werde eben mit zunehmendem Alter ein bisschen ruhiger.

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