Füssen
Ein Liederkranz wie noch nie

Die Damen waren hingerissen von den Herren auf der Bühne. Und diese Herren wiederum ließen sich von der Dame auf dem Dirigentenpodest mitreißen: Der Liederkranz gab im Fürstensaal seine erste Chorserenade unter der Leitung von Gisela Reichherzer - temperamentvoll, stimmgewaltig, fast auswendig und mit schauspielerischen Akzenten, die man bisher bei diesem Chor kaum erlebte. Man könnte das, was das Stammpublikum des Liederkranzes an diesem Abend erlebte, mit einem Vers aus Beethovens «Chorphantasie» beschreiben: «Was sich drängte rau und feindlich, ordnet sich zum Hochgefühl».

Nun, ganz so rau und feindlich war der Liederkranz auch in den letzten Jahren nicht. Dazu hat Ehrendirigent Herbert Thaler, der aus gesundheitlichen Gründen nicht beim Konzert sein konnte, viel zu gute Arbeit geleistet. Aber seine Nachfolgerin Gisela Reichherzer, die den Chor im Oktober vergangenen Jahres nach einem Interims-Dirigat von Walter Dolak übernommen hat, scheint die rund 45 Männer einfach um den Finger gewickelt zu haben. Der gelernten Sopranistin und Chorleiterin konnte keiner von ihnen widerstehen. Und so sagte eine Stammhörerin nicht von ungefähr den bezeichnenden Satz: «Die singen alle 15 Jahre jünger.»

«Lebe, liebe, lache»

«Lebe, liebe, lache» (Robert Pappert), das Motto des Konzerts, sang der Liederkranz zum Einstieg auswendig. Auch in der Folge versteckten sich die Gesichter der Sänger kaum noch in den Noten. Das tat der Ausdruckskraft sichtbar und hörbar gut. Bestes Beispiel dafür die «Wahre Liebe» von Leos Janacek, ein rhythmisch äußerst schwieriges Stück. Die Männer hielten ihre Spannungsbögen, blieben deshalb sicher in den Tonfolgen und klar in der Artikulation.

Ausreißen und einfangen

Die leichte bis leichtere Muse herrschte vor im Programm und verführt manchmal zu leichtem Leichtsinn.

Die Ausreißer im Dreivierteltakt des Ziehrer-Walzers «Sei gepriesen, du lauschige Nacht» fingen sich von selbst wieder ein - gut gestützt, wie bei so vielen anderen Stücken auch, von Pianist Professor Dr. Herbert Wiedemann. Er war auch Gisela Reichherzer ein wunderbarer Begleiter, als sie Beethovens «Ich liebe Dich», Kalmans «Zigeunergeigen» und «Draußen in Sievering» von Johann Strauß sang.

Ihren Silcher («Süß Liebe liebt den Mai») ließen die Männer auch dank Gisela Reichherzer nicht in die Jahrzehnte alte Routine ausbrechen, sondern behielten ihn rhythmisch und dynamisch fest im Griff. So gefällt der Lieblingskomponist aller Männerchöre.

Die Bässe des Liederkranzes haben sich verstärkt. Die Tenöre sind homogener geworden. Keine der vier Stimmlagen ging irgendwann unter. Das tat vor allem bei Liedern mit Dialog gut wie dem «Pappelmäulchen» (Gustav Wohlgemuth). Und hingebungsvoll mit einem witzigen Solo von Magnus Lipp (er führte auch durch den Abend) interpretierten die Sänger «Wie mein Ahnl».

Heuer zwei «Chapeaus»

Zum Schluss setzte der Liederkranz noch eines drauf: «Ach, die Weiber». Schon im vorigen Jahr einen «Chapeau» wert, übertraf sich der Chor in diesem Jahr. Er sang nicht nur, er spielte dieses «Studium» von Franz Lehar auch als Tribut an Herbert Thaler.

Der hätte auch an den Zugaben seine helle Freude gehabt, die er mit seinem Liederkranz einstudiert hatte, und die Gisela Reichherzer mit «ihrem» Männerchor ausgebaut hat: «Mit Musik geht alles besser», selbst die Synkopen dieses Schlagers, und «Golden kommt der Mond gezogen» als Abrundung einer wunderbaren Chorserenade.

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