Memmingen
Ein Juwel in der Unterallgäuer Jazz-Wüste

Wer in den Weiten der Unterallgäuer Jazz-Wüste als ansässiger Fan darben muss, kann seinem Schöpfer danken, dass es Jamm (Jazz Art Memmingen). Dass in einer Stadt wie Memmingen Musiker in der Kategorie eines Miguel Zenon zu hören sind, ist wirklich keine Selbstverständlichkeit. Denn - ohne Wenn und Aber - was da am vergangenen Samstag im Foyer der Stadthalle ablief, war Jazz der absoluten Weltklasse.

Zu Gast war ein Quartett, das - weil Zenon aus der Karibik, genauer: aus Puerto Rico stammt - gerne unter Labels wie «Jazz mit Salsa Touch» verkauft wird. Vielleicht ein Appetitanreger für den unentschlossenen Fan, wegen fetzigem Groove und garantierten Rhythmusorgien. Wer vom Miguel Zenon-Quartett solche Ware erwartet hatte, war sicher ein wenig enttäuscht. Zwar beruft sich der in einem Armenviertel von San Juan aufgewachsene Zenon durchaus auf die originäre Musik der Karibikinsel, der Plena - das, was er und seine Band machen, ist aber alles andere als Dance Floor. Ja, es ist nicht mal typisch afro-karibisch. Das, was da von der Bühne kommt, ist überhaupt nicht präzise einzuordnen. Macht aber überhaupt nichts. Denn viel wichtiger als die richtigen Schubladen aufzuziehen, um die jeweilige Kunst hineinzustopfen, ist letztendlich die Qualität des Dargebotenen.

Und die ist über jeden Zweifel erhaben.

Zenon ist ein großer unter den jungen Altsaxophonisten. Ausschlaggebend dafür ist nicht etwa seine überragende Technik. Die haben viele jungen Musiker. Er ist einer der wenigen, die nicht dem Irrtum erliegen, dass die Fähigkeit furiose Läufe zu spielen, gleich bedeutend mit beeindruckender Musik ist. Miguel Zenon spielt auch schnell, aber nur wenn es Sinn macht. Vor allem aber spielt er sich im Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib. Wütende, dramatisch explodierende Bebop-Kaskaden neben abgrundtief schmachtenden Balladen, die dennoch niemals an echter Substanz verlieren.

Soviel an Musik wäre eigentlich schon Grund genug gewesen, den Abend im Foyer der Stadthalle zu verbringen, aber das «Miguel Zenon 4tet», hatte noch drei andere Hochkaräter zu bieten. Zum Beispiel Luis Perdomo. Ein Berg von einem Mann am Flügel und ein Traum, was seine Musik angeht. Unaufdringliche Dynamik, gepaart mit einer unglaublichen Geschmeidigkeit und Sicherheit, selbst bei hochkomplizierten Läufen. Zum Beispiel Hans Glawischnig. Der gebürtige Österreicher ist eine Kontrabassist der nicht alltäglichen Art. Er sounded nicht, sondern pumpt seine Linien wie ein Tubist in die Band. Sozusagen die Herz-Lungen-Maschine für einen allerdings sehr gesunden Organismus. Für die Energiezufuhr ist er aber nicht allein verantwortlich, sondern in Zusammenarbeit mit dem Kollegen Cole.

Gefühlte zwei Zentner

Henry Cole ist als Drummer eigentlich viel zu zierlich, aber das ist ein reines Optikproblem. Denn wenn er spielt, wiegt er gefühlte zwei Zentner. Und spätestens nach dem dritten wuchtigen Solo weiß auch der Letzte im Publikum, dass der Junge sein kräfteraubendes Programm mit Leichtigkeit über die Zeit bringen wird. Im Verbund mit seinen Kollegen logischerweise. Die zum Ende einer langen Tournee noch die Kraft und die Spielfreude hatten, ein tolles Konzert abzuliefern.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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