Verbrechen
Ein grausiger Mord erschütterte vor 105 Jahren die Menschen im Allgäu

Den gehetzt von Blöcktach nach Friesenried strampelnden Radler konnte der Fahrer aus seinem Postomnibus heraus wegen der einsetzenden Dämmerung nicht erkennen. Am nächsten Tag, dem 12. September 1906, erfuhr er, dass er vermutlich einen Mörder gesehen hatte. Gegen 6 Uhr entdeckte ein Maurer etwa 300 Meter außerhalb von Blöcktach neben der Straße ins knapp zwei Kilometer entfernte Friesenried die Leiche einer Frau, «fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt». Zwei Stunden später wurde sie als Balbina Kögel identifiziert, die 63-jährige Mutter des Blöcktacher Pfarrers. Balbina Kögel war erstickt, weil das Blut aus zwei Schnitten im Hals in Luftröhre und Lunge geflossen war.

Ab Kaufbeuren zu Fuß unterwegs

Die Frau war mit dem Zug aus Holzheim (bei Rain am Lech), wo sie ihren zweiten Sohn, den dortigen Pfarrer besucht hatte, am frühen Abend in Kaufbeuren angekommen und auf ihrem Fußweg ins zwölf Kilometer entfernte Blöcktach kurz vor dem Pfarrhof, ihrem Zuhause, Opfer der << bestialischen Tat >> eines << Scheusals >> geworden, so hieß es damals in der Zeitung.

Zwei Monate suchten Polizei und elf Feuerwehren, unter anderem mit einem sogenannten Kesseltreiben von 900 Männern vergeblich nach dem Mörder. Dann verriet er sich selbst: Am 8.

November bat der im Münchener Gefängnis Stadelheim wegen eines Fahrraddiebstahls einsitzende ledige Bäckergeselle Johann Lingg aus Friesenried seinen Mithäftling, dessen Strafe am nächsten Tag endete, der Familie Lingg schriftlich eine Nachricht zukommen zu lassen: Er sei beunruhigt wegen der fortdauernden Suche nach Balbina Kögels Mörder. Sein Bruder solle den Inhalt eines Koffers auf dem Dachboden vernichten, er könne Fremde auf falsche Gedanken bringen. Seine Schwester solle bei einer eventuellen Befragung sagen, sie habe ihn am 11. September abends zur Post geschickt. Danach sei er zu Hause auf dem Sofa gelegen.

Der Mithäftling informierte die Polizei. Am 13. November öffneten Gendarmen aus Aitrang und Kaufbeuren mit dem Friesenrieder Bürgermeister den Koffer und fanden dort ein Portemonnaie, eine Brosche sowie ein blutiges Taschentuch mit dem Monogramm << B. K. >> Linggs geachtete Familie und viele Menschen in der Region sind entsetzt und fassungslos. << Scham, Zorn, aber auch Ruhe ergriff die Herzen >>, notiert der Ortspfarrer.

Lingg gesteht nach kurzem Leugnen beim ersten Verhör am 24. November in Stadelheim. Am nächsten Tag beginnt er, den Unzurechnungsfähigen zu simulieren. Vom 26. Januar bis 9. März 1907 kommt er zur Untersuchung in die Heilanstalt Kaufbeuren. Laut ihrem Gutachten ist der Beschuldigte << zwar ein geistesschwacher und gemütsstumpfer Mensch, leidet aber nicht an krankhafter Störung des Geistes >>.

Am 5. Juli 1907 verhandelt das Schwurgericht in Augsburg seinen Fall. Linggs Angaben sowie weitere Aussagen der 16 Zeugen und drei Sachverständigen erhellen Biografie und Motiv des Beschuldigten, klären die Tat aber nicht vollständig: Der 1882 geborene Bauernsohn kommt als Schüler mit Eltern und sieben Geschwistern von Leuterschach (Ostallgäu) nach Friesenried; 1899 stirbt die Mutter, 1902 beendet er seine Bäckerlehre, vor und nach dem Militärdienst arbeitet er an verschiedenen Orten in Deutschland und der Schweiz. Als er im Sommer 1906 auf Bitten des Vaters heimkommt, um bei der Ernte zu helfen, hat er kaum Geld. Für die (angeblich) geplante Meisterprüfung oder Konditorenlehre braucht er aber einiges. Am 2. September stiehlt er deshalb in Aitrang ein Fahrrad; sein aus der Schweiz mitgebrachtes will er am 11.

September nach Feierabend in Eggenthal verkaufen. Auf dem Weg dorthin sieht er vor Blöcktach eine Frau gehen und beschließt sofort, sie auszurauben. Was dann passierte, erzählte Lingg in unterschiedlichen Versionen. Das Gericht übernahm im Wesentlichen jene, die er kurz nach seiner Verhaftung zu Protokoll gegeben hatte. Demnach packt er die Frau am Arm, fordert Geld, sie wehrt sich, will wegrennen, er sticht und schneidet ihr mit dem Taschenmesser in den Hals, nimmt ihre Schuhe, die Geldbörse mit 50 Pfennig, eine Brosche und ein Taschentuch. Ihr Schreien (oder Röcheln) versetzt ihn in Panik, und er tötet sie, um nicht entdeckt zu werden. Anschließend verstümmelt er die Leiche.

An der Suche beteiligt

Ab dem 12. September beteiligt sich Johann Lingg eifrig an der Suche nach dem Täter, Ende des Monats fährt er mit seinem Fahrrad und sechs bis acht Mark nach Augsburg, findet keine Arbeit, stiehlt dort am 8. Oktober ein weiteres Fahrrad, fährt damit nach Dachau, wird dort verhaftet, in München zu fünf Wochen Gefängnis verurteilt und nach Stadelheim gebracht, wo er sich schließlich verrät.

Der Prozess endete nicht mit dem Todesurteil, sondern mit einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe. Die Geschworenen folgten damit den Gutachtern, die Lingg für verantwortlich, aber geistig beschränkt und affektgeleitet hielten. Er starb am 12. März 1919 in Kaisheim. Auf dem Friedhof in Blöcktach erinnert eine Tafel an Balbina Kögel.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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