Allgäu
«Ein gewisser Stolz ist da»

In der Serie «20 Jahre Mauerfall» will die Heimatzeitung in den nächsten Wochen die jüngere deutsche Geschichte anhand von Porträts beschreiben. Wir stellen Menschen aus dem Westallgäu vor, deren Leben von der Teilung und der Wiedervereinigung Deutschlands geprägt wurde.

Lindenberg/Eisenach Mit 58 Jahren denken Angestellte an den Vorruhestand oder an Altersteilzeit. Nicht so Jörn Marhenke. Der Leiter der Lindenberger Filiale der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank wurde von seinen Vorgesetzten gefragt, ob er am «Aufbau Ost» mitmachen wolle. Er wollte. Drei Jahre lang, von Anfang 1992 bis Ende 1994, baute Marhenke im thüringischen Eisenach das Geldinstitut auf. «Ein gewisser Stolz ist da, mitgeholfen zu haben», sagt er heute. Und «ein schöner Schub» zum Abschluss seiner 45-jährigen Bankkarriere sei es zudem gewesen.

In Plauen im Vogtland «eher zufällig» geboren, wuchs Marhenke in Füssen auf. Die wesentliche Ausbildungszeit zum Banker fand zehn Jahre lang in München statt. Seit 1971 lebt Marhenke in der Hutstadt.

Der heute 75-Jährige hatte sich Eisenach bewusst ausgesucht: Die Wartburg und der Rennsteig waren Punkte der Faszination. Marhenke war Fraktionssprecher der CSU im Stadtrat, als er sich für Thüringen entschied. Und er wusste, worauf er sich einließ. Jedes Wochenende 1100 km Fahrt, unter der Woche 12-Stunden-Arbeitstag, kaum eine Mittagspause.

Dem Lindenberger oblag es, ein Gebäude in der Innenstadt und die Handwerker für den Umbau zu suchen sowie das Personal auszuwählen und zu schulen. «Den Namen Hypo kannte kein Mensch», schildert Marhenke die Lage bei seinem Antritt. Mit den Handwerkern («Nu wart mer mal») hatte er seine liebe Not und die Bewerber mit Erfahrung in wirtschaftlichen Dingen waren mit der DDR-Ministerialbürokratie groß geworden. Dreimal musste er zudem umziehen.

Nicht auf Thüringer Art

«Warum führen Sie die Bank bayrisch und nicht auf Thüringer Art?» musste er sich vorwerfen lassen. Er traf auf viele sorglose Kreditnehmer, aber auch sorglose Mitarbeiter. Eine Mitarbeiterin verließ beispielsweise ohne Bescheid zu geben während der Arbeitszeit wie selbstverständlich die Bank. Am nächsten Tag zur Rede gestellt, entschuldigte sie sich: «Mein Kind war krank.» Marhenke war fassungslos. Das hatte er noch nicht erlebt. «Da half nur das bayrische Element der Ruhe», sagt er nicht ohne Ironie. Das habe ihm «drüben» oft geholfen. Er habe in den drei Jahren «unendlich dazugelernt», vor allem über andere Sichtweisen.

Die erste Unterkunft, die er für die Bank fand, gehörte einem Fotografen aus Wangen. Da stand ihm das Glück zur Seite. Und weil ihn eine Rathaus-Sekretärin verwechselte, konnte er zum 2. Bürgermeister vordringen und sein Anliegen vorbringen. Mit dessen Visitenkarte war man auf den Grundbuchämtern freundlicher. Seine Erfahrung in der Kommunalpolitik (13 Jahre Stadtrat) kam ihm zugute.

Warum er diesen Schritt wagte? «Ich gehöre zu den Menschen, die immer vorneweg marschieren», beschreibt er sich selbst. Er war gerademal ein halbes Jahr im Stadtrat, da wurde er schon Fraktionssprecher.

In Eisenach gründete Marhenke außerdem einen Zirkel, der sich um den Tourismus kümmerte. Dabei traf er den Leiter des Hotels auf der Wartburg, mit dem er sich heute noch verbunden fühlt.

Dass er nicht in Eisenach bleiben wollte, war für ihn klar, obwohl er ein schönes Haus mit Garten bewohnte und die Einwohner («sehr ehrlich, anfangs scheu») durchaus positiv in Erinnerung behält.

Lange Zeit fuhr er mit seiner Frau mehrmals im Jahr nach Thüringen, um die Kontakte zu pflegen. Heute beschränkt er sich gesundheitsbedingt auf Korrespondenz, will er doch seine vier Stammtische in Lindenberg nicht vernachlässigen. Und er läuft viel durch die Stadt, um sich mit den Menschen zu unterhalten.

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