Lesung
Ein charmanter Erzähler

Mit lang anhaltendem Beifall feiern die Zuhörer in der Aula der Marienschulen den Mann, der sich in vielen Jahrzehnten DDR-Regime nicht anpasste und der sich auch in den Jahren nach der Wende immer selbst treu geblieben ist: Joachim Gauck, ehemaliger evangelischer Pastor, DDR-Bürgerrechtler, führendes Mitglied des Rostocker Neuen Forums, Abgeordneter der letzten DDR-Volkskammer, erster Chef der nach ihm benannten Stasi-Unterlagen-Behörde und Kandidat bei der Bundespräsidentenwahl im vergangenen Jahr.

Joachim Schön, Leiter der Volkshochschule, begrüßt ihn als «reisenden Demokratielehrer». Gauck, der vor Kurzem schon am Kaufbeurer Fliegerhorst zu Gast war (wir berichteten), liest aus seiner Autobiographie «Winter im Sommer - Frühling im Herbst». Er habe sich mit dem Schreiben nicht leicht getan, «denn eigentlich bin ich ein Redner und kein Schreiber». Dass das Echo auf sein Buch nun in ganz Deutschland so groß sei, habe ihn überrascht.

Winter im Sommer

Der 71-jährige fasziniert sein Publikum, ist ein charmanter Erzähler mit feinem Humor, stets sehr offen, deutlich, redlich und ernsthaft.

Gauck spannt in seinem Werk den Bogen von mehr oder weniger unbeschwerten Kindheitstagen in Fischland über die Zeit vor und nach dem Mauerbau, die friedliche Revolution und die Zeit nach der Wende bis hin zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes im Mai 2009. Letztlich kehrt er noch einmal in die Kindheit zurück. Die unbeschwerten Kindheitstage finden im Sommer 1951 jäh ein Ende, als sein Vater wegen Nichtigkeiten verurteilt und in ein Lager Stalins nach Sibirien gebracht wird. Gauck, damals elf Jahre, wird durch diese Ereignisse für sein Leben geprägt. Als der Vater 1955 zurückkehrt, ist er ihm fremd und vertraut zugleich.

Trotz dieser Erlebnisse stellt sich für Gauck nie die Frage, die DDR zu verlassen. Er bleibt, lässt sich aber nicht vereinnahmen. Er wird Pastor und baut in einem Neubauviertel am Rande Rostocks eine Gemeinde auf. Seine Unangepasstheit dämpft auch die Berufsaussichten seiner Kinder. Zwei Söhne und eine Tochter beantragen die Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft und gehen, was Gauck sehr traurig stimmt, in den Westen.

Sehr emotional berichtet Gauck über die aufkeimende Revolution. «Wir, das Volk, wir haben uns verändert», beschreibt er die Aufbruchstimmung im Jahre 1989. Sein schönster Tag sei es gewesen, als die Menschen zum ersten Mal auf die Straße gingen. «Darüber geht nichts», ruft er den Kaufbeurern zu. Die Ereignisse von damals gehörten in das kollektive Gedächtnis der gesamten Nation.

Es sei ein großartiges Gefühl gewesen, 1990 erstmals frei wählen zu können. Sein Publikum ermuntert er eindringlich, keine Wahl auszulassen. Er tue dies auch nicht. Und wenn einer nicht wisse, wer denn «die Guten» seien, dann solle er eben «die am wenigsten Schlechten» wählen. Immer deutlicher wird im Verlauf der Lesung, wie wichtig Gauck die Freiheit ist. Die Freiheit als Sehnsucht, als Wirklichkeit und als Verantwortung. (kdt)

 

Joachim Gauck steht auch bei jungen Menschen hoch im Kurs. An den Marienschulen erfüllt er nach seinem Vortrag viele Autogrammwünsche. Foto: Wild

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