Gesundheit
Drogensüchtige (29) stirbt: Kemptener Arzt angeklagt

Wegen unbegründeter Behandlung von Drogensüchtigen und dem Tod einer 29-Jährigen muss sich ein Oberallgäuer Arzt ab Mittwoch vor dem Kemptener Amtsgericht verantworten. Der Allgemeinmediziner soll der Süchtigen aus dem Ostallgäu das Betäubungsmittel verschrieben haben, an dem sie im Februar 2013 starb.

Die Ankläger werfen dem Mann außerdem vor, Abhängigen in mehr als 300 Fällen unbegründet Ersatzstoff verordnet und sie obendrein erpresst und betrogen zu haben - er habe illegal Zusatzzahlungen verlangt.

Der Arzt ist damit zum zweiten Mal angeklagt, vor zwei Jahren hatte ihn das Amtsgericht wegen illegaler Verschreibung zu einer Geldstrafe von 15 000 Euro (150 Tagessätze) verurteilt. Flammt nun die Diskussion um die Behandlung von Abhängigen neu auf?

Rückblick. Es ist Januar 2012. Ein Arzt aus Kempten berichtet von Ermittlungen. Die Staatsanwaltschaft habe seine Praxis durchsucht, zweimal stapelweise Patientenakten beschlagnahmt. Der Mediziner sagt: Substitutionsärzte befänden sich juristisch immer auf einer Gratwanderung, seien nicht ausreichend geschützt. Wenn sie helfen wollten, seien sie mit einem Bein ins Gefängnis.

Rückfälle, drohende Beschaffungskriminalität, Todesfälle, Verunsicherung im Milieu: Er fürchte um seine 90 Patienten, sagt der Arzt. In den folgenden Wochen stellt sich heraus: Die Staatsanwaltschaft ermittelt nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen einen Mediziner aus Kaufbeuren und gegen den Arzt aus dem Oberallgäu. Die Mediziner müssen die Behandlung einstellen, Dutzende Abhängige stehen auf der Straße. Die Landesärztekammer klinkt sich ein, dringt darauf, die Mediziner zu schützen.

Im Herbst 2012 ist die Situation für Ersatzstoff-Patienten so prekär, dass der Landkreis Oberallgäu und die Stadt Kempten an den Bezirkstagspräsidenten appellieren: Eine Behandlung der Süchtigen sei nötig. Sie schlagen eine ans Kemptener Bezirkskrankenhaus angegliederte Methadon-Praxis vor.

Als diese im Frühjahr 2013 eröffnet, ist der Mediziner aus Kaufbeuren bereits verurteilt: zwei Jahre Haft auf Bewährung wegen unerlaubter Abgabe und Verschreibung von Betäubungsmitteln in 1200 Fällen. Seinem Kemptener Berufskollegen legen die Ankläger zwar einen Todesfall zur Last, verurteilt wird er aber nicht, der Verdacht lässt sich nicht erhärten.

Bei den Süchtigen geht weiter die Angst um. Nur ein Teil von ihnen ist neu untergekommen, zwischen Januar und August 2013 sterben in Kempten fünf Abhängige. Fentanyl heißt das opiathaltige Betäubungsmittel, das sie sich gespritzt haben - anstelle der Ersatzstoffe Methadon oder Subutex. Es wird unter anderem in der Anästhesie eingesetzt. In Praxen und Apotheken kommt es verstärkt zu Einbrüchen.

Die Staatsanwaltschaft, wegen ihres Vorgehens teilweise selbst am Pranger, hat seither offenbar weiter ermittelt. Ab Mittwoch wird in Kempten gegen den Oberallgäuer Arzt verhandelt, fünf Termine sind angesetzt. Prozessbeginn: 9 Uhr.

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