Kempten
Dramatisch wie ein Hollywood-Film

Einen Konzertabend lang verwandelte sich Kempten in die österreichische Kulturmetropole am Beginn des 20. Jahrhunderts. Beim 5. Meisterkonzert der Saison im Stadttheater kamen alle drei Komponisten aus Wien: Gustav Mahler, Erich Wolfgang Korngold und Arnold Schönberg. Auch Benjamin Schmid, herausragender Geiger und nun zum sechsten Mal Gast im Allgäu, ist in Wien geboren. Nicht minder prominent besetzt war sein Solistenquartett mit Thomas Selditz an Violine und Viola, Quirine Viersen am Cello und Silke Avenhaus am Flügel.

Ein mächtig donnernder Klavierbass leitete das Präludium des Hauptstücks ein, Korngolds Suite für zwei Violinen, Cello und Klavier linke Hand (ein Auftragsstück für den einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein). Ganz traditionell scheint die folgende Fuge im B-A-C-H-Duktus die barocke Vergangenheit zu beschwören. Doch schon die Durchführung reißt den Hörer mit in romantisch-kühne Harmonik. «Nicht schnell» aber «anmutig» darf dann der wienerische Walzer gespielt werden - «wo Strauss und Ravel vorbeispazieren», wie Benjamin Schmid im Interview mit unserer Zeitung sagte.

Die scherzo-artige «Groteske» gestaltete Quirine Viersen auch gestisch, mit diabolisch-koboldhaftem Cello-Spiel. «Schlicht und innig», ein Lied ohne Worte samt schöner Kontrapunktik, führt zum heftig-martialisch gestrichenen und gehämmerten Rondo-Finale. Eine funkelnde Suite also, voller Dramatik wie ein Spielberg-Film - was bei Korngolds Hollywood-Job als «Vater der Filmmusik», angefangen mit Errol Flynns Seeräuber-Schinken, nicht weiter verwundert.

Süffig-schöne Zwölftonmusik

Gustav Mahlers einzigartiger Klavierquartettsatz in a-Moll diente den Vieren zur Einstimmung auf ihr virtuos-leidenschaftliches Musizieren. Und nach der Pause: Zuerst die Fantasie für Violine und Klavier op. 47 von Arnold Schönberg.

Wie um zu beweisen, dass spröde Zwölftonmusik auch süffig-schön klingen kann, legte sich Benjamin Schmid gleichsam als Stehgeiger im Heurigenlokal ins Zeug, schmiegte mit Wiener Geigenton seine ganze Künstlerseele in die tänzerischen Passagen, ging schwungvoll in die Knie samt Ausfallschritt

Schließlich Schönbergs spätromantisches 1899er Sextett «Verklärte Nacht», bearbeitet als Klaviertrio: ein fast einmaliges, wundersames Musik-Erlebnis für die 320 Besucher im Stadttheater - nicht nur wegen des kunstvoll-transparenten Klangbilds dieser drei Solisten.

Schönbergs Musikstück mutierte auf der Kemptener Bühne zum poetisch-musikalischen Dialog zwischen Mann (Geiger) und Frau (Cellistin) - ganz wie im Gedicht von Richard Dehmel, das Schönberg hier «vertont» hat.

Nach anfänglich düster-dissonantem Moll endet das Gedicht - und die Musik - in zauberhaftem Mondnacht-Dur: «O sieh, wie klar das Weltall schimmert! Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.»

Eine Zugabe wäre des Schönen zu viel gewesen.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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