Kaufbeuren
Die zweite Vertreibung

Der Schmerz der Vertreibung ist für viele Sudetendeutsche auch mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs präsent. Das Gefühl, der Obrigkeit ausgeliefert zu sein, alles zurücklassen zu müssen. Für die Familie Herzmansky ist der 20. Jahrestag des Mauerfalls ebenfalls Anlass für einen Rückblick auf eine leidvolle Zeit. Klaus Herzmansky wurde damals ein zweites Mal vertrieben. Als einjähriger Steppke hatte er mit seiner Familie Reichenbach in Nordböhmen verlassen müssen, lebte fortan im thüringischen Gotha. Ein halbes Jahr vor dem Zusammenbruch der DDR mussten er, seine Frau Barbara und Tochter Dajana erneut quasi über Nacht ausreisen. In Neugablonz und später in Germaringen fanden sie eine neue Heimat. «Wir wussten ja längst, dass die DDR pleite ist», erinnert sich Barbara Herzmansky (52), «aber als wir den Mauerfall im Fernsehen mitverfolgten, haben wir uns schon gewundert.» Was hätte die Familie darum gegeben, ohne die erlittene Odyssee in Freiheit in Gotha zu leben, in dem eigenen Häuschen. Doch der Lauf der Geschichte damals ließ sich nicht voraussehen.

Klaus Herzmansky entstammt einer Schmuckmacherfamilie im Sudetenland, lernte Gürtler und Juwelier. Nach der Vertreibung baute der Vater das Geschäft in Thüringen wieder auf. Kontakte in die große Vertriebenenansiedlung in Neugablonz im Westen gab es schon damals. «Wir Sudetendeutschen hatten immer einen großen Freiheitsdrang», sagt der heute 65-Jährige. Der Zusammenhalt sei auch in Ostdeutschland groß gewesen. Seine Eltern erfuhren vom Bau der Mauer bei einem Besuch in Kaufbeuren und kehrten trotz der Warnungen der Kinder zurück zu Familie und Geschäft. Bis Mitte der 60er Jahre dauerte die Selbstständigkeit; «dann», erinnert sich Herzmansky, «kam die erste Enteignung und die Umwandlung in ein halbstaatliches Unternehmen.» Später sei der komplette Betrieb «Volkseigentum» geworden. «Wir waren plötzlich Angestellte des Staates», sagt er. «Die Bijouterie fiel auseinander.»

Immer wieder stellte die Familie erfolglos Ausreiseanträge, «denn das Denken haben wir uns nicht nehmen lassen». Gleichzeitig wuchs der staatliche Druck. «Unter den Nachbarn, im Kollegenkreis, überall musste man mit Stasispitzeln rechnen», so Herzmansky, der noch lange als Verkaufsleiter bei einer Handelsgenossenschaft tätig war. «Das Misstrauen wurde immer größer.» Und wer seinen Willen zur Ausreise kundgetan hatte, musste mit allem rechnen. Herzmansky wurde entlassen.

«Praktisch rausgeschmissen»

Das Ehepaar kam mithilfe eines evangelisch-lutherischen Pfarrers («ein guter Mensch») beruflich in einem Kloster unter, arbeitete dort als Hausmeister und Zimmermädchen. «Ein Jahr später hat uns die Stasi gefunden», sagt Herzmansky. Es folgten regelmäßige Einzelvernehmungen.

«Wir waren einem unwahrscheinlichen Druck ausgesetzt.» Auch ein Haus und die Rückkehr in die Selbstständigkeit seien ihnen zum Schluss angeboten worden, wenn sie der DDR nur treu bleiben würden. Das Ehepaar lehnte ab. Beide mussten ihre Arbeit aufgeben; ihre «Ausreise» wurde vorbereitet. «Wir hatten uns dem System entzogen und wurden deshalb praktisch rausgeschmissen», sagt Herzmansky. Geld und Wohnungsschlüssel wurden bei der Polizei abgegeben, es blieben drei volle Koffer.

Über Donauwörth kam die Familie im Frühjahr 1989 nach Neugablonz. «Mutti, hier sind ja gar keine Trabbis», habe die damals vierjährige Dajana gerufen. Klaus Herzmansky fand bei der Firma Erhard Seiboth viel mehr als einen Job. «Dort hat man uns wirklich geholfen», sagt er. Am 9. November wurde die Mauer geöffnet.

Endlich, so erinnern sich beide übereinstimmend an ihre Gedanken beim Ansehen der TV-Bilder, ist es vorbei mit den Mauertoten. Andererseits: «So viele Menschen haben uns das Leben schwer gemacht, ohne dafür je zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.»

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen