Lindau
Die unerbittliche Boulevardpresse

Brave Frau lernt vermeintlichen Bankräuber und Anarchisten kennen. Und einen Tag später die Unerbittlichkeit von Boulevardpresse und Staat. Was Heinrich Böll in «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» meisterhaft mit Worten transportiert, verliert in der Aufführung des Schauspiels von Margarethe von Trotta im Stadttheater Lindau ein Stück weit an Intensität und Aussage, es wird unwirklich.

Liegt es daran, dass sich die Zeiten (nicht zum Besseren) geändert haben ? Oder sind die Figuren dramaturgisch einfach zu überzeichnet? Katharina Blum zu sehr Unschuld, Reporter Werner Tötges zu sehr Schwein und die Polizei-Protokollantin karnevalstechnisch zu sehr angesäuselt? Wärs eine Satire, müsste die Inszenierung von Stefan Zimmermann noch eins draufsetzen. Aber es geht ja um bitterernsten Stoff: Wie gewissenloser Journalismus Menschen zerstören kann. Es geht um Überreaktionen des Staates und seiner Diener, um Ermittlungsarbeit und Verhörmethoden in einer von Terror geprägten Zeit. Polizei und Staatsanwalt in Vorrosenmontagsstimmung lassen sich da nur als kurzer Kontrastgag ertragen, nicht als längere Sequenz.

Wirkliche Beklemmung stellt sich ein, wenn auf der weißen Bühnenwand der Akt des Schreibens auftaucht, wenn Buchstabe für Buchstabe sich vorwärts hackt zum Wort, zum Satz, zum Lügenartikel. Wenn Blum als «eiskalt und berechnend» dargestellt wird, die Eigentumswohnung und ein teurer Ring mit «Herrenbesuchen» verquickt werden und die dank Reporterbesuch im Krankenhaus vor Aufregung verstorbene Mutter auch noch der Tochter angelastet wird.

In der ersten Entwurfsversion seiner Erzählung hat Böll Katharina Blum Selbstmord begehen lassen. In der endgültigen Fassung greift sie zur Waffe, erschießt Tötges.

Die ZEITUNG reagiert auf den Tod ihres Topmannes mit der Beschwörung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, dem immer passenden «Wehret den Anfängen» und dem dramatischen Appell: «Wer die ZEITUNG angreift, greift uns alle an.» Da sitzt Katharina Blum schon in der Zelle. Eine Illusion bleibt ihr noch: die große Liebe. Aber die sitzt inzwischen auch.

Für das Schauspiel-Ensemble des a.gon Theaters München gibts im fast vollen Lindauer Stadttheater verdienten Beifall. Für die Gutmenschen (berührend: Jenny Joy-Kreindl als Katharina Blum) ebenso wie für die Bösen: den smarten Oliver Kamolz als Schmierfink, Rainer Goernemann als Kommissar Beizmenne und Gustav Kromer als Staatsanwalt Hach. Und wohl auch für Sätze wie diesen: «Marx hat im Nachttisch einer Hausgehilfin nichts zu suchen.»

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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