Vermisst
Die Suche nach Schwester Anni mit der Latschenkiefer-Salbe

86 Meter verrosteter Stacheldraht symbolisieren für Hans Hüttich sein Leben. Bei 19 Metern ist der Draht gerissen. Das entspricht dem Alter, in dem der heute 86-Jährige aus Möhnesee (Nordrhein-Westfalen) im Zweiten Weltkrieg verletzt wurde. Auf dem Rückzug von der russischen Front bescherte ihm der Winter schwere Erfrierungen an den Beinen. Doch er überlebte - nicht zuletzt wegen Anni, einer Krankenschwester, die vermutlich aus dem Allgäu stammte und ihn mit Latschenkiefer-Salbe gesund pflegte. Dieses Mädchen von damals sucht Hüttich heute.

<< Weiß nicht, ob sie noch lebt >>

Ich weiß nicht, ob sie noch lebt >>, sagt der Rentner. << Aber mich interessiert, was aus ihr wurde. >> Außerdem fühle er sich als Zeitzeuge verpflichtet, Vermisstenschicksale aufzuklären. In den Wirren der Nachkriegszeit mit Vertreibung und Umsiedlung verloren sich Hüttich und Anni aus den Augen. Zuletzt sahen sie sich in Dresden. Dorthin war das Lazarett, in dem Hüttich 1944 seine Erfrierungen auskurierte, von Krakau aus verlegt worden.

Lange Jahre war Anni nur eine Erinnerung für den Kriegsveteran. << Ich habe 20 Jahre im Ausland gearbeitet >>, berichtet er. Da blieb keine Zeit zum Suchen. Seit er aber seine Lebenserinnerungen aufschreibt - rund 1000 Seiten hat er bereits -, wurde auch die Zeit mit Anni wieder lebendig. << Wir haben uns damals angefreundet und bei der Verlegung des Lazaretts zusammen gearbeitet.

Wir haben auch Musik zusammen gemacht >>, erzählt Hüttich. Vielleicht seien sie sogar ein wenig ineinander verliebt gewesen.

Anni habe immer viel von den Bergen, der Alpwirtschaft und dem Skifahren erzählt. Nur wo sie herkam, weiß Hüttich nicht genau und die Daten darüber seien in den Nachkriegswirren verloren gegangen. Aber er ist sich sicher, dass sie aus dem Allgäu stammte. Deshalb begann er seine Suche kürzlich, während er mit seiner Frau in Bad Hindelang (Oberallgäu) Urlaub machte. Er war auf dem dortigen Einwohnermeldeamt und hatte Kontakt zu einem Archivar. Bisher jedoch verlief die Suche ergebnislos.

<< Sie war ein lustiges, hilfsbereites Allgäuer Bauernmaderl. Sie konnte gut singen und war bei Feierlichkeiten im Lazarett mit ihrem Allgäuer Dialekt die Ulknudel Nummer 1 >>, beschreibt Hüttich die Krankenschwester.

Zum Sanitätsdienst sei sie wegen ihres Bruders gekommen. Dieser sollte in die Wehrmacht eingezogen werden, als er bereits den Bauernhof der Eltern übernommen hatte. Deshalb einigte sich die Familie mit den Behörden darauf, dass Anni zum Sanitätsdienst ging und ihr Bruder zuhause bleiben durfte.

Für Hüttich war das Glück, denn Annis Latschenkiefer-Salbe brachte ihn wieder auf die Beine.

<< Damit hat sie meine offenen Beine gepflegt und wie durch ein Wunder bildeten sich an den großen Wunden schon nach wenigen Tagen Ränder mit frischer Haut >>, berichtete der 86-Jährige. Nach einigen Wochen seien die Wunden geschlossen gewesen und nach vielen Massagen konnte Hüttich wieder laufen.

Durch Gottes Gnaden, so sagt der Kriegsveteran, sei sein Leben damals, mit 19 Jahren, nicht ausgelöscht worden. Wenn er sich heute seinen symbolischen Stacheldraht, vorstellt, habe jeder Stachel, jede Bruchstelle eine Bedeutung - und eine ganz besondere hat Anni.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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