Theater
Die Kulturwerkstatt Kaufbeuren bringt ein schockierendes Lehrstück für Jugendliche ab 13 Jahren auf die Bühne

'Darüber muss ich erst mal nachdenken', sagt ein Premierengast. Eineinhalb Stunden lang haben ihn 22 junge Schauspieler der Kaufbeurer Kulturwerkstatt mit ihrer Adaptation von Janne Tellers 'Nichts – was im Leben wichtig ist' gefesselt, verstört und schockiert. In der voll besetzten Schauburg zeigten sie eindringlich auf, wie aus Kränkung, Gruppenzwang und der Frage nach dem Sinn des Lebens eine Spirale aus Hass und Gewalt entsteht, die bis zum blutigen Finale nicht mehr zu stoppen ist.

Wie schnell doch aus einem bunten Haufen fröhlicher Schüler ein beängstigender Mob wird, der drohend und immer drängender seine Strichholzschachteln schüttelt. Wie schnell aus Umarmungen Zwang, Demütigung und nackte Gewalt wird – ausgelöst einzig durch den Ausbruch eines Mitschülers, der sich hoch in die Lüfte schwingt, seine einstigen Kameraden belächelt und fortan verkündet, dass nichts im Leben eine Bedeutung habe.

Wohl auch weil er damit manch geheimen Gedanken seiner Mitschüler ausspricht, können diese sein Verhalten nicht dulden ('Was, wenn er wirklich Recht hat?'). So entsteht die Idee, einen 'Berg der Bedeutung' zu schaffen, um das Gegenteil zu beweisen.

Doch das zunächst harmlose Sammeln bedeutungsvoller Gegenstände läuft rasend schnell aus dem Ruder, als jeweils einer vom anderen ein wichtiges Opfer verlangen darf.

Mit unglaublicher Authentizität zeigen die jungen Schauspieler, wie die Schüler nun gegenseitig ihre wunden Punkte ausspionieren, wie jene, die etwas abgeben müssen, zusätzlich gedemütigt werden, und wie aus den Verletzungen Hass entsteht und der Wunsch nach mehr Verletzung bei den anderen.

Und sie zeigen, wie wenig sich die Schüler dem Gruppenzwang entziehen können, selbst als die Wünsche nach bedeutungsvollen Gegenständen eskalieren und abgeschnittene Haare, ein totes Kind, die Unschuld eines Mädchens, Gebetsteppich und Kruzifix sowie ein Hundekopf auf dem 'Berg der Bedeutung' landen.

Die Musik geht an die Nieren

Mit raschen Wechseln von bedrohlichen Standbildern und hektischem Aktionismus, passenden Lichteffekten und an die Nieren gehender Musik wird die Atmosphäre in der Schauburg zunehmend unheimlicher. Verschnaufpausen wie den Auftritt eines echten Golden Retriever als Friedhofshund 'Schneewittchen' gibt es wenig, dafür zahllose Beweise dafür, wie bedrohlich Körperhaltungen und das Schütteln von Zündholzschachtel wirken.

Außerdem spart das Ensemble nicht mit geschickt gezielten Schockeffekten, wobei das ausgelassene Geplauder nach dem letzten Opfer für den Berg fast ebenso ent-setzt.

Mit 'Nichts' ist dem Ensemble unter der Regie von Thomas Garmatsch ein ebenso aufrüttelndes wie zutiefst verstörendes Lehrstück über Gruppendynamik, Gewalt, aber auch den Sinn des Lebens gelungen. Dem überzeugenden Spiel des gesamten Ensembles ist es zu verdanken, dass sich die Zuschauer den Fragen nicht entziehen können, die sich die Schauspieler bei den Proben selbst gestellt haben: Was müsste ich abgeben? Könnte ich mich dem Gruppendruck entziehen? Und schließlich: Wie gebe ich meinem Leben Bedeutung?

Weitere Aufführungen am 27., 28. und 29. September (je 19.30 Uhr), 2. Oktober (20.30 Uhr) sowie 3., 4. und 5. Oktober (je 19.30 Uhr) im Theater Schauburg (empfohlen ab 13 Jahren). Karten-Vorverkauf unter Telefon 08341/2313.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen