AZ-Aktion
Die Kinder haben Spaß beim Lernen

Dass einige Eltern überfordert sind, ihren Kindern bei der Deutsch-Hausaufgabe zu helfen - vor allem wenn sie eine andere Muttersprache haben - ist nachvollziehbar. «Suche verwandte Wörter» steht beispielsweise auf dem Lernblatt des italienischstämmigen Drittklässlers Michele (8). Ist das nun sinngemäß gemeint? Soll er nun anstatt Arzt «Doktor» schreiben? Mit solchen und ähnlichen Fragen wurde Redakteurin Silvia Reich-Recla konfrontiert, als sie im Rahmen der AZ-Aktion «Sie wünschen - wir kommen» bei der Hausaufgabenbetreuung im Haus International dabei war.

Im Falle von Michele half Silvia Rechsteiner, Heilpädagogin und seit sieben Jahren für die Hausaufgabenhilfe zuständig weiter: «Da ist der Wortstamm gemeint, zum Arzt würde also die Arztpraxis passen.» Aha. Da muss man erst einmal als deutsche Mutter draufkommen. Michele schaut erstaunt mit seinen großen braunen Augen, holt ein anderes Lernblatt aus seinem Schulrucksack. Eine Eins in Rechnen. «Super, junger Mann.»

Silvia Rechsteiner weiß, wo es hakt bei vielen der rund 20 Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig zur Hausaufgabenhilfe kommen: «Sie sind oft sehr fleißig und wissbegierig, aber das Leseverständnis fehlt.» Die Kinder kennen die Wörter, aber beispielsweise nicht den Sinn eines Satzes. Deshalb sei man froh, wenn die Schüler früh kommen, schon in der ersten Klasse.

Mit Küchenschwämmen rechnen

Nadine (11) lernt erst seit ein paar Monaten regelmäßig im Haus International. Die Fünftklässlerin mit der dunklen Hautfarbe und den Rasta-Locken stammt aus dem Togo und spricht hervorragend deutsch. Sie hat allerdings große Lücken in den Grundrechenarten. Einmal in der Woche gibts deshalb bei Silvia Rechsteiner Nachhilfe. Stapelweise Küchenschwämme hat die Pädagogin gekauft, um der Hauptschülerin einen optischen Eindruck vom Summieren oder Dividieren zu geben. «Wir haben Erfolge und das ist auch ganz wichtig für das Selbstbewusstsein der Schüler,» meint sie. Das Haus International in der Poststraße eignet sich hervorragend für diese Zwecke. Richtige Schulbänke stehen im Lernzimmer mit Tafel. Klar, früher wurde das Gebäude als Schule für Sonderpädagogik genutzt. Seit 2003 ist dort das Haus International mit seinen vielfältigen Angeboten.

Neben dem Lernzimmer liegt ein Spielzimmer mit Kicker und gemütlicher Sitzecke. Sieht aus wie in einem Jugendhaus. Zwei Buben sitzen zusammen auf dem blauen Sofa und lesen, andere spielen Monopoly.

Die Kinder fühlen sich offensichtlich gut aufgehoben bei Silvia Rechsteiner sowie der jungen Zehra (steckt in der Ausbildung zur Kinderpflegerin), bei Sandra (freiwilliges soziales Jahr) und bei Elena (Studentin, die dort ihr Praktikum macht). Weitere 14 Ehrenamtliche helfen hin und wieder.

Die Kinder haben sich verpflichtet, täglich (Montag bis Freitag) zu kommen, «um eine kontinuierliches Lernen zu ermöglichen», betont Rechsteiner. 40 Euro zahlen die Eltern monatlich für die Hausaufgabenhilfe mit Nachmittagsbetreuung. Geld, das offensichtlich gut angelegt ist: Die Kinder haben Spaß beim (Deutsch-)Lernen. (sir)

 

Michele (vorne) bei seinen Deutsch-Hausaufgaben. Silvia Reich-Recla stand ihm einen Nachmittag zur Seite. Ganz hinten im Bild ist Silvia Rechsteiner zu sehen, die seit sieben Jahren für die Hausaufgabenhilfe im Haus International zuständig ist. Rund 20 Kinder nehmen das Angebot an. Neben Lernen steht auch Spielen auf dem täglichen Programm. Foto: Martina Diemand

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