Integration
Die gleichen Probleme wie vor 50 Jahren

Auf den Tischen blühen Weihnachtssterne, es gibt Gebäck und Tee. Nein, das ist keine Adventsfeier, sondern eine ernste Diskussion im Kulturzentrum der Immenstädter über Integration: Mit einer türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten und einem Projektleiter des Türkisch-Islamischen Kulturvereins, der am liebsten allgäuerisch schwätzt und ehrenamtlich Feuerwehrler ist. Also alles klar mit der Integration? Wohl nicht, denn in der Diskussion wird schnell klar, dass diese Musterbeispiele immer noch Einzelfälle sind.

So schildert eben dieser Projektleiter, Sevdat Karakas, dass er sich als Schüler mit Deutsch und Mathe schwer tat und seine Eltern mangels Sprachkenntnis ihm dabei nicht helfen konnten. «Die Probleme, die ich vor 40 Jahren hatte, haben die Kinder heute immer noch», so Karakas.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Ekin Deligöz, hat zuvor auf die Masse der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland hingewiesen. «In Großstädten wie Nürnberg hat den jedes zweites Kind, das geboren wird.» Deshalb stelle sich gar nicht die Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei. «Das ist Fakt. Das sind Kinder dieses Landes. Sie sind hier geboren, geben hier zur Schule und werden hier sozialisiert», sagt Deligöz. Manche stoßen dabei auf gewaltige Hindernisse, wie eine Oberallgäuer Gymnasiastin.

Sie habe die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, will studieren. Doch Deutsche darf sie nach eigener Aussage nicht werden, weil sie selbst noch nichts verdient. «Wenn ich nur den Quali gemacht und eine Ausbildung angefangen hätte, würde ich die Staatsbürgerschaft bekommen», schildert die Jugendliche den vielen Grünen-Politikern unter den Zuhörern. Auch eine Leiterin von Integrationskursen für Frauen berichtet, wie Bürokratie Migranten das Leben schwer macht. Und Miriam Duran, Migrationsbeauftragte am Landratsamt, fordert: «Wir dürfen nicht nur Integration fordern, sondern müssen auch Interesse daran zeigen.»

Referent Joachim Dorner, Schulsozialpädagoge an der Berufsschule Immenstadt, beklagt zudem, dass es auf unterschiedlichen Ebenen zwar immer wieder Modellprojekte für Integration gebe. «Aber es fehlt an der einheitlichen Richtung.»

Michael Finger, Grünen-Mitglied aus Oberstdorf, stört etwas ganz anderes: Dass die Partei mit der Stellung der Frau in der islamischen Gesellschaft zu unkritisch umgehe. Worauf Ekin Deligöz daran erinnert, dass sie selbst ein Jahr unter Polizeischutz stand, weil sie sich für die Rechte von Frauen eingesetzt habe. Und Abdek Jabbar, Vorsitzender des Integrationsbeirat Oberallgäu Süd, verweist auf einen Grundsatz des Islam: die Gleichstellung von Mann und Frau. «Das Problem ist aber, dass das in vielen Ländern nicht so gelebt wird.»

 

«Wir brauchen noch mehr Menschen mit Brückenfunktion.»

Ekin Deligöz, Bundestagsabgeordnete der Grünen

«Drei Jugendliche haben dieselben Noten. Der Deutsche bekommt die Stelle, die zwei ausländischen nicht.»

Sevdat Karakas, Projektleiter des Türkisch-Islamischen Vereins Immenstadt

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen