Entrümpelung
Die ganze Wohnung voller Müll

Für seine Umwelt machte Willi M. aus dem Oberallgäu immer einen korrekten Eindruck. Gepflegt, mit Krawatte kam er zur Arbeit. Als der Heizungsableser in die Wohnung kam, zeigte sich ihm ein anderes Bild von Willi M.: Überall lagen Zeitungen, Dosen und Kartons herum, in seinen Wohn-Schlafraum führte nur mehr ein schmaler Pfad. Willi M. hat das sogenannte Messie-Syndrom. In den Medien sieht, hört und liest man immer wieder mal über Menschen mit diesen Problemen, die es überall gibt, freilich auch im Oberallgäu.

Roland Henkel hat als Kemptener Entrümpler und Abfalldienst immer wieder mal mit der Räumung von «Messie-Wohnungen» zu tun: «Vor einiger Zeit haben wir aus einer Wohnung 24 Tonnen Müll entsorgt! Man konnte schon gar nicht mehr richtig in die Wohnung reingehen», erzählt er. Ja, und der Mieter? «Der hatte sich inzwischen eine andere Wohnung besorgt.»

Anrufe von Nachbarn

Auch Robert Treffler, Wohnungsverwalter bei der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Allgäu (BSG) hat bei einem Wohnungsbestand von 2500 Wohnungen etwa zwei bis dreimal im Jahr mit diesem Phänomen zu tun: «Wir bekommen Anrufe von Nachbarn, weil sie unangenehme Gerüche wahrnehmen oder der Müll schon sichtbar auf dem Balkon gestapelt wird.»

Was gesammelt wird, ist unterschiedlich: Mal sind es Zeitungen und Zeitschriften, mal (ausgewaschene) Tetrapacks, mal jeglicher anfallender Abfall vom Teebeutel über Blechdosen bis hin zum Karton - eben einfach alles. «Der Kontakt zu den Bewohnern muss sehr behutsam hergestellt werden, sonst verschließen sie sich ganz», weiß Treffler. Häufig ist die BSG Allgäu dabei in Kontakt mit der Betreuungsstelle von Stadt oder Landkreis und überlegt, was zu tun sei, um den betreffenden Mieter in seiner Problematik zu unterstützen.

Denn: «Eigentlich sind diese Menschen sehr wohnungstreu und zahlen in der Regel die Miete ohne Beanstandung», so Treffler. Zwischen sieben und zehn «auffällige Mieter» sind bekannt. «Da kann es dann sein, dass eine von uns angeordnete Säuberung der Wohnung nach einer bestimmten Zeit wieder in diesen verwahrlosten Zustand gerät.

» Hauptsächlich seien es Menschen zwischen 45 und 60 Jahren, die aufgrund eines Schicksalsschlages solch eine psychische Störung entwickelt haben. «Sie bemerken das Chaos selbst gar nicht», weiß Treffler. Tanja Thalmeier, Prokuristin bei der BSG, fügt hinzu: «Diese Menschen kennen nicht das Gefühl von Befreiung, wenn man seine überflüssigen Dinge oder den Abfall beim Wertstoffhof entsorgt hat.»

«Bis vor zehn Jahren liefen in solchen Wohnungen auch schon mal Ratten herum», erinnert sich Roland Henkel: «Heutzutage ist die Gesellschaft da glücklicherweise wieder achtsamer für die Nachbarn geworden.» Bevor er mit seinen Mitarbeiter eine solche Wohnung (manchmal auch in Schutzanzügen) betritt, wird sie von einem Fachmann desinfiziert. Der eingesammelte Müll kommt in die Verbrennungsanlage. «Nur selten lassen sich alte Zeitungsstöße noch fürs Recyceln retten.»

Auf den Kosten für die Entrümpelung der Wohnung bleibt zunächst einmal der Vermieter sitzen. Es sei denn, er kann seinen Mieter regresspflichtig machen. Laut Robert Treffler und Tanja Thalmeier von der BSG Allgäu kostet so eine Wohnungsräumung immerhin rund 3000 Euro.

 

Da ist Entrümpeln angesagt: Blick in eine vermüllte Wohnung, die die Bau- und Siedlungsgenossenschaft Allgäu räumen musste. Foto: BSG

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