Die Furcht vor der Fehlinvestition

Von Stefan Dosch | Kaufbeuren In der Frage, wie die Dreifaltigkeits-Gemeinde mit ihrer störanfälligen Kirchenorgel umgeht, hat es einen radikalen Umschwung gegeben. Ging man lange Zeit davon aus, dass die evangelische Kirchengemeinde auf eine Sanierung des von Gerhard Schmid vor gut 40 Jahren erbauten Instruments hinarbeitet, so hat der Kirchenvorstand nun, wie bereits berichtet, den Beschluss gefasst, einen Neubau anzustreben.

Seit einem Jahrzehnt gehen in der Dreifaltigkeitskirche die Gedanken um, welche Lösung man für die technisch marode Schmid-Orgel finden könnte. Ein Neubau wurde von Anfang an in den Blick gefasst; dass dann jedoch zunächst einer Sanierung der Vorzug gegeben wurde, hatte vor allem zwei Gründe. Klanglich ist an dem bestehenden Instrument kaum etwas auszusetzen. Und sein Erbauer, der vor vier Jahren gestorbene Kaufbeurer Gerhard Schmid, hat bei der Errichtung viel persönliches Engagement mit einfließen lassen. Zwei Fakten, die respektvollen Umgang mit der Orgel nahelegten, und so sollte es 2006 dann auch losgehen mit der Generalüberholung.

Letzte Sichtungen und Berechnungen führten dann aber den Umschwung herbei. Maßgeblich spielte dabei eine Rolle, dass neue Erkenntnisse über vergleichbare Orgel-Sanierungen vorlagen, die sich allesamt als wenig befriedigend herausgestellt hatten. Der evangelische Landeskirchenmusikdirektor Michael Lochner, der mit drei weiteren Orgelsachverständigen nach Kaufbeuren gereist war, sprach sich dann auch für 'eine wirklich zukunftsfähige Lösung' aus und plädierte für einen Neubau. Hinzu kam, dass sich ein weiteres Problem offenbart hatte: Beim Bau der Orgel war offensichtlich die Statik der tragenden Empore nicht ausreichend berücksichtigt worden. Ein Gutachten brachte an den Tag, dass die Empore verstärkt werden muss, wobei mit Folgekosten für das Schmid-Instrument zu rechnen wäre.

'Nägel mit Köpfen'

Die Entscheidungsträger der Dreifaltigkeitskirche standen vor einem Zwiespalt. Entweder 400 000 Euro ausgeben für eine Sanierung, deren Erfolg vor allem auf lange Sicht nicht garantiert werden könnte. Oder die Weichen für einen Orgel-Neubau zu stellen, der mit maßvollen Mehrkosten zu Buche schlägt. Es war die Furcht vor einer 'Fehlinvestition' (Pfarrer Thomas Kretschmar), die den Kirchenvorstand veranlasste, 'Nägel mit Köpfen' (Kantor Traugott Mayr) zu machen und auf ein neues Instrument umzuschwenken, das, so der Wunsch, für die nächsten drei, vier Generationen Bestand haben möge.

600 000 Euro sind für den Neubau veranschlagt - eine Summe, für die ein Instrument von der Größe der Schmid-Orgel jedoch nicht zu beschaffen ist. 'Muss auch nicht sein', sagt Traugott Mayr, der als Organist am unmittelbarsten betroffen ist von der Entscheidung. Statt der von Schmid verbauten 58 Register genügten für die Dreifaltigkeitskirche 40 bis 45 Register. 'Maßvolle Größe' bei 'kompromissloser Qualität' lautet die Formel, und Mayr ist überzeugt, dass sich für den gesetzten Betrag hochwertige Verarbeitung, lange Haltbarkeit und hervorragender Klang realisieren lassen.

200 000 Euro sind aus der seit Jahren laufenden Spendensammlung für die Orgel(-restaurierung) bereits vorhanden, darunter zwei Großspenden in Höhe von 100 000 und 30 000 Euro. Pfarrer Kretschmar will mit den Spendern in Kontakt treten und fragen, ob die Gaben auch unter den Vorzeichen des Neubaus gelten, ist jedoch optimistisch. Welche Stiftungen und sonstige Geldtöpfe zwecks Förderung angegangen werden können, muss im Zuge eines neuen Kostenplans erst geprüft werden. Und dann soll ja auch noch die Schmid-Orgel verkauft werden - Traugott Mayr hofft, dass Interesse nicht nur für einzelne Register besteht.

Im Laufe dieses Jahres soll der Finanzplan stehen, für 2009 hofft man, bereits zwei Drittel der Kosten beisammen zu haben, um Ausschreibung und Auftragsvergabe tätigen zu können - 2012 wäre die erhoffte Jahrzahl für die Fertigstellung. Ein ambitionierter Zeitplan, das weiß Pfarrer Kretschmar. 'Aber irgendwann wollen die Leute nichts mehr hören von dem Thema. Dann muss die Orgel klingen.'

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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