Winter
Die Enteiser: Wie die Bahn in Kempten im Winter ihre Züge befreit

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Im Allgäuer Winter das Auto freizukratzen gehört wohl zu den unangenehmsten Aufgaben in der kalten Jahreszeit. Und während Otto-Normal-Verkehrsteilnehmer schon bei einem Golf flucht, müssen Bahn-Mitarbeiter wahre Giganten aus Stahl von Schneemassen und zentimeterdickem Eis befreien.

Jetzt im Winter schuften die Arbeiter der Kemptener Bahn-Werkstatt ab halb 4 Uhr morgens im Akkord. Die Triebwagen mit meterlangen Eiszapfen an der Front, mit vielen Kilo Schnee unter dem Fahrzeug müssen erst auftauen, bis die Mechaniker die defekten Bauteile überhaupt erreichen können. Mit Stangen und Werkzeug schaben die Beschäftigten Eis aus dem Unterboden. Heizlüfter mit einer Leistung von 100.000 Watt - ein handelsüblicher Wohnungs-Heizlüfter leistet etwa 500 bis 2000 Watt – blasen unablässig auf zusammengepressten Schnee. Und trotzdem dauert die Enteisung oft mehrere Stunden.

Im Winter kümmern sich die Arbeiter täglich um etwa 25 Fahrzeuge, das sind etwa zehn Wagen mehr als in den anderen Jahreszeiten, sagt Thomas Grimm. Der 59-Jährige leitet die Werkstatt im Kemptener Süden, koordiniert seine Abtautruppe, legt aber auch selbst Hand an: Ich prüfe eigentlich jeden Wagen, der hier ankommt.

Stimmt die Temperatur der Heizlüfter? An welcher Schraube müssen seine Mitarbeiter aufpassen? Sitzen die Kabel? Weil bei vereisten Fahrzeugen leicht etwas kaputt gehen kann, was wieder zu mehr Arbeit führen würde, achtet Werkstattleiter Grimm auf jede Kleinigkeit.

Stolz sagt er: Wir wissen zwar, dass die Bevölkerung unsere Arbeit eigentlich nur dann bemerkt, wenn etwas schief geht. Wir wissen aber auch, wie wichtig wir für die Bahn sind. Würde die Werkstatt im Winter, etwa durch einen Stromausfall oder durch einen Brand mehrere Tage ausfallen, müsste vielleicht sogar der Bahnverkehr im Allgäu eingestellt werden, erzählt Grimm.

Der Grund: Der Winter ist für die Deutsche Bahn die schlimmste der vier Jahreszeiten. Nicht nur müssen die Züge vor der Reparatur enteist werden, was Zeit kostet, auch greift speziell das Eis die Technik an. Durch die Kälte verklemmen sich Türen, Kabel können brechen und Heizungen gehen nicht, weil Sie einfach nicht anspringen, erzählt der Werkstattleiter.

Da kommt in der Belegschaft schon einmal Frust auf, wenn der Winter heftig ist: Wir sind zwar alle den Allgäuer Winter gewohnt, aber nach einer Zeit... naja... kann es schon etwas ruppiger werden hier. Nichtsdestotrotz machen die Enteiser und die Mechaniker jeden Tag ihre Arbeit. Für die Menschen, die auf die Bahn angewiesen sind, sagt Grimm.

Und was, wenn der Otto-Normal-Verkehrsteilnehmer mit seinem Eiskratzer helfen wollen würde? Grimm grinst und sagt: Ich schätze mal, man bräuchte mehr als acht Stunden um nur einen Wagen zu enteisen. Und mindestens zehn Eiskratzer." Dann doch lieber der zugefrorene Golf.

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