Kempten / Ostallgäu
«Die Energiefrage ist keine Frage der Ästhetik»

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In neun Wochen hat sie auf ihrer Deutschland-Tour 140 Städte besucht und 25000 Kilometer zurückgelegt. Zweimal war sie dabei in Kempten. Doch diesmal kam sie nicht im Dirndl, sondern in Hose und bestickter schwarzer Bluse. Diesmal ging Claudia Roth auch nicht zur Allgäuer Festwoche, sondern zum Redaktionsgespräch unserer Zeitung. Nach Gruß (FDP), Guttenberg (CSU) und Folgart (SPD) stellte sich die Bundesvorsitzende der Grünen den Fragen der Experten: l Jürgen Herrmann, Prokurist beim Allgäuer Überlandwerk l Dr. Christoph Greifenhagen, Arzt, Naturschutzwächter und Windkraftgegner aus Kaufbeuren l Horst Dargel, Geschäftsführer von Nitsch und Mendler aus Memmingen.

Was kommt nach Atom?

Begleitet wird Roth an diesem Nachmittag von den beiden Grünen-Direktkandidaten im Allgäu, Thomas Hartmann (Oberallgäu-Kempten-Lindau) und Tobias Specht (Ostallgäu, Memmingen). Im Mittelpunkt des Gesprächs steht das Thema Energie. Und da geht es dann auch gleich zur Sache: «Woher sollen denn die rund 70 Prozent Energie im Allgäu kommen, wenn der Atomausstieg vollzogen ist und auch keine neuen Kohlekraftwerke gebaut werden dürfen?», fragt Jürgen Herrmann. In der Zukunftsstudie (Peesa-Studie), die das AÜW gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut erstellte, sehe der Stromversorger die Chance, über 30 Prozent des Energiebedarfs aus regenerativen Trägern wie Wasserkraft, Photovoltaik, Windenergie, Kraft-Wärme-Kopplung, Holz oder Biomasse zu erzeugen.

Doch, was ist mit dem Rest? Beispielsweise wolle sich das AÜW am Bau eines Windparks in der Nordsee vor Borkum beteiligen. 700 Millionen Euro soll das Projekt kosten. Um das Vorhaben zu finanzieren, wäre aber ein Kredit von rund 450 Millionen nötig. Herrmann: «Doch den wollen uns die Banken nicht geben.»

Das Engagement des AÜW in der Windkraft lobt Roth. Gleichzeitig kritisiert sie die Beteiligung des regionalen Versorgers am Bau eines Kohlekraftwerks in Nordrhein-Westfalen. Kohlekraftwerke seien Gift fürs Klima und deshalb streben die Grünen ein Moratorium an - sprich: Bestehende Stein- und Braunkohlekraftwerke auslaufen lassen und keine neuen bauen.

Einspruch Herrmann: «Dann haben wir 2030 die Versorgungslücke.» Widerspruch Roth: «Nicht wenn wir auf Energieeinsparung und mehr Effizienz setzen.» Unterstützung erhält sie von den beiden Grünen-Direktkandidaten, Thomas Hartmann und Tobias Specht: Durch den Bau von Kohlekraftwerken würde enormes Kapital für die nächsten 40 Jahre gebunden. Nur durch das Moratorium fließe dieses Geld in regenerative Energien.

Gegenwind für Windkraft

Das mit den regenerativen Energien sei leicht gesagt, wirft Herrmann ein und nennt das Beispiel Windkraft: Laut Peesa-Studie wäre ein Potenzial im Allgäu für rund 150 Windräder vorhanden, doch kaum eine Gemeinde wolle eines. Das ist das Stichwort für Christoph Greifenhagen: «Das größte Kapital des Allgäus ist seine intakte Landschaft.

Die dürfen wir nicht zerstören.» 1800 Windanlagen wollen die Grünen in Bayern aufstellen lassen - «das ist doch eine völlig unsinnige Forderung, wo sollen die denn hin?», schimpft der Naturschutzwächter. Und das werde am Widerstand der Bürger scheitern, sagt er voraus. Schon jetzt sei ein großer Unfrieden in den Dörfern und selbst Naturfreunde, die früher den Grünen nahe standen, würden dagegen mobil machen. Außerdem schreckten Windparks die Touristen ab.

«Wer sagt denn, dass die Touristen etwas gegen Windräder haben. Diese Studie müssen sie mir erst mal zeigen», hält Roth dagegen. Ihr gefielen die Windräder («die beruhigen mich immer so»).

Aber: «Grundsätzlich ist die Energiefrage keine Frage der Ästhetik.» Ausdrücklich lobt sie in dem Zusammenhang die Gemeinde Wildpoldsried. Sie zeige den Weg in eine saubere Zukunft.

«Aber ist dieser Weg auch für uns Unternehmen bezahlbar?», will Horst Dargel wissen, dessen Firma Hydraulikzylinder herstellt und im Anlagenbau tätig ist. Da spricht sich die Grünen-Chefin für finanzielle Anreize aus, wenn Betriebe auf erneuerbare Energien umstellen. «Würden wir ja gerne», erläutert Dargel den Plan seiner Firma eine große Photovoltaik-Anlage für rund 500000 Euro zu installieren: «Aber auch wir kämpfen mit den Banken wegen der Finanzierung.»

Gleich zwei Unternehmen mit Problemen bei Krediten, die alternative Energien schaffen wollen? «Das darf doch nicht wahr sein», schimpft Roth und verspricht, sich in der Sache zu informieren.

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