Der Wertstoffhof hat einen Namen

Von Daniela Löcherer
| Kaufbeuren «Kartonagen bitte hier in diesen Container.» Jochen Müller erklärt dem Kunden auf dem Wertstoffhof an der Liegnitzer Straße aber nicht nur, wo er hin muss, er wirft einen Teil der Kartonagen gleich selbst in den Abfallbehälter. Ein Knopfdruck, und mit einem jämmerlichen Stöhnen der Hydraulik ist die Presse in Gang gesetzt, die die Kartonagen platt macht.

Kaum ist der eine Kunde wieder abgefahren, kommt eine Frau, ihr Fahrrad voll bepackt mit Taschen. «Hallo, heute mit dem Cabrio?» scherzt Müller. Ilse Maier wohnt in der Nachbarschaft, ist sozusagen Stammkundin. «Ich komme oft und bin immer zufrieden, Herr Müller ist ein hilfsbereiter Mensch», sagt sie.

Das lässt sich wohl mit Fug und Recht behaupten. Genauer gesagt: Je mehr los ist, je mehr Kunden zu bedienen sind, desto mehr kommt Müller, ein Deutscher aus Russland, in Fahrt. Obwohl er kaum eine Minute ohne Kundschaft ist, sei jetzt, so sagt der 57-Jährige, um 14 Uhr und erst recht in der Urlaubszeit, noch nicht viel los. Meist beginne das Hauptgeschäft am Nachmittag so um halb drei und dauere bis 17 Uhr. Prompt fahren gleich vier Autos gleichzeitig vor.

«Eisen bitte hier rechts hinein, Holz da drüben», weist er einen Kunden ein. Andere kennen sich aus, entsorgen ihr Altpapier oder ihr Grüngut selbstständig in die entsprechenden Container. So die zwei Männer vom Hausmeisterservice, die mit Transporter angerückt sind und nun zig Gelbe Säcke in die Presse werfen.

Inzwischen rückt Müller schwere Tonnen an ihren Platz, sortiert, räumt. «Manchmal kommen ältere Leute, die sich nicht so auskennen. Die geben das Zeug dann einfach ab und ich sortiere es lieber selbst.»

Eine teilweise durchaus körperlich anstrengende Arbeit, zumal bei sommerlicher Hitze. «Das macht doch nichts. Es kommen immer hübsche Frauen, das gibt dann doppelt Kraft», meint Müller mit einem Augenzwinkern. Und wie aufs Stichwort kommen tatsächlich gerade zwei.

Sie geben nicht nur Altpapier ab - Elke Ritter fragt auch nach einem Karton. Sie will ein Paket verschicken. «Vielleicht in einer Stunde. Wenn was kommt, lege ich es zur Seite», verspricht Müller. «Wir bringen aber auch öfter mal Dinge, von denen wir wissen, dass andere sie vielleicht noch brauchen können», so Ritter.

Alles unter Kontrolle

Eine ältere Dame fährt vor. Müller schaut in den Kofferraum, hilft selbstverständlich beim Abtransport der Sachen. Weil es sehr eng ist auf dem inzwischen ziemlich zugeparkten Hof, traut sich die Dame nicht, rückwärts auszuparken. «Ach, kein Problem», sagt Müller, lotst sie heraus und greift schließlich gar selbst ins Steuer, als es am Zaun eng wird.

Müller ist die gute Laune in Person. Und auch ein kleiner Psychologe. «Manchmal kommen ältere Frauen, die ein bisschen traurig sind. Dann macht man einen Scherz, und sie strahlen und freuen sich, das ist doch schön», sagt Müller. Mit vielen Kunden ist er per Du, «ich mache das hier ja schon seit zwölf Jahren, da kennt man sich». Da wisse man auch, mit wem man einen Spaß machen könne und mit wem nicht. Eine Frau wirft Papier in den Container, während der Gatte im Auto sitzen bleibt. «Hallo, war Ihre Frau heute nicht brav? Sonst bringt doch immer der Mann den Müll?», scherzt er mit dem Ehepaar, das die Bemerkung auch genauso so nett aufnimmt, wie sie gemeint ist. Manchmal sei auch ein wenig Fingerspitzengefühl vonnöten, sagt Müller.

Zum Beispiel wenn Kunden kommen, die er zur Mülldeponie weiter schicken muss, weil ihr Abfall im Wertstoffhof nicht entsorgt werden kann, und die entsprechend ärgerlich reagieren.

14.30 Uhr: das Geschäft brummt jetzt richtig. Ein einziges Kommen und Gehen. Zwischen einem «Hey Chef, wo kommt der Elektronikschrott hin?» und einem «Haben Sie eine Abholkarte für Sperrmüll für mich?» springt Müller mal hier, mal da, ist ständig in Bewegung. Rund 100 Kunden oder mehr bedient er täglich. Nie werde es ihm langweilig. «Es ist doch wichtig, dass man seine Arbeit mit Liebe macht», sagt er.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen