Historie
Der Rückzugsort des Staatssekretärs

«Und draußen scheint die Sonne so klar über das ewige, grüne Allgäuer Land.» Dr. Else Goldkuhle Irsee Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Sturz des Kaiserreichs tat sich die erste deutsche Demokratie schwer. Zwischen 1918 und 1930 wechselten sich 17 Kabinette in Berlin ab. In der Anfangszeit gehörte der Kommerzienrat Heinrich Goldkuhle als Staatssekretär drei Kabinetten an, ehe er sich 1920 auf Druck von Lobbyisten aus der quirligen Hauptstadt in das beschauliche Irsee zurückzog.

Da hatte der 1872 geborene Jurist schon eine Karriere als Verwaltungsbeamter in Preußen hinter sich. Der Erste Weltkrieg spülte ihn als Direktor des Reichsschatzamtes und nach der Revolution als Leiter der Industrieabteilung in das Reichsschatzministerium. Als Staatssekretär gehörte er den drei ersten SPD-Kabinetten (Philipp Scheidemann/Gustav Bauer/Hermann Müller) an. Doch nach einer Lobbyistenbesprechung, an der auch die späteren Reichsschatzminister Hans von Raumer und Reichskanzler Gustav Stresemann teilnahmen, wuchs der Druck auf Goldkuhle. Er sei nicht industriefreundlich genug, warf Raumer ihm vor. Als das Kabinett Müller später scheiterte, ging Goldkuhle zunächst in den Urlaub und im September in den Ruhestand.

Den verbrachte er in Irsee. Dort hatte er sich eine Villa gekauft, die sich der Ziegeleibesitzer Josef Fleschut etwa 1918 in der Frühlingstraße hatte bauen lassen, ehe er den Betrieb an die Hammerschmiede verlegte. Das Haus ragte damals durch seine Architektur in Irsee heraus. Der verwinkelte zweigeschossige Backstein- und Holzbau lag zudem abgelegen am südlichen Ende der Straße - ideal als Rückzugsort für den gestressten Staatssekretär. Er lebte dort zusammen mit seiner Frau, Dr. Else Goldkuhle. Als er 1932 im Alter von 60 Jahren starb, hinterließ er eine gebildete und dichtende Witwe: «Sie war sehr belesen», erinnert sich der Irseer Günther Oberweiler, der später in dem Haus wohnte: «Als Kinder spielten wir in ihrem Garten, aus dem sie uns dann immer vertrieb. Für uns war sie die Hexe in dem abgelegenen Haus.

» Aber die Frau Staatssekretärin wusste zu feiern, denn ihre «außergewöhnlichen Festivitäten» seien im Ort in aller Munde gewesen.

Doch zugleich zog sich Goldkuhle immer mehr zurück «Sie hatte eigentlich nur noch Kontakt zu Pfarrer Josef Wille, den sie als Chauffeurin durch die Gegend fuhr», erzählt der Irseer Volker Posselt, der den nachfolgenden Besitzer der Villa kannte. Damals konvertierte Goldkuhle auch vom evangelischen zum katholischen Glauben. In der Zeit habe Goldkuhle alles telefonisch bestellt - sie besaß nämlich eines der damals raren Fernsprechgeräte. Da habe das Fleisch vom Metzgerlehrling vor der Haustür abgestellt werden müssen, wo das abgezählte Geld plus 50 Pfennig Trinkgeld gelegen habe, so Oberweiler.

Als die Frau 1967 starb, vermachte sie das Gebäude der Kirche - so hatten sich des Pfarrers Mühen gelohnt. Die Pfarreienstiftung wiederum verkaufte 1968 das Haus an den ehemaligen Rennfahrer und Besitzer eines Kaufbeurer Autohauses, Walter Wünstel. «Der ließ einen großen Wohnraum und offenen Kamin einbauen und auch außen komplett umbauen», so Posselt. 1990 ging das Haus dann an die Familie Oberweiler, die es im Jahr 2007 weiterverkaufte. Während das modernisierte Haus noch heute «Villa Goldkuhle» im Volksmund heißt, erinnert an die Namensgeber auch noch die Grabstätte auf dem Friedhof.

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