Kempten
Der Mensch steht im Mittelpunkt

Die Allgäuer Kunst-Szene bekommt gewichtigen Zuwachs: Jürgen Meyer, 1992 bis 2007 Hochschullehrer an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, ist nach seiner Pensionierung nach Kempten gezogen (wo er auch seine Jugendjahre verbrachte). Sein neues Atelier in der Wartensee-Straße 6 wird er vom 16. bis 18. Oktober öffnen.

Das Erdgeschoss in dem barock anmutenden Gebäude beim Kornhaus bietet einen stilvollen, repräsentativen Rahmen für Meyers Arbeiten - und zugleich einen scharfen Kontrast. Denn Gediegen-Altmeisterliches oder Eingängiges wird man hier nicht finden. Egal ob monumental auf Leinwand, wild-virtuos kritzelnd, eigene Lithografien übermalend oder spießigen Tapeten der 1970er Jahre mit ätzendem Eisenchlorid zusetzend: Radikal geht es Meyer um den Menschen. Auch wenn dieser mitunter an den Rand gedrängt, auf Strukturen wie Wirbel oder Brustkorb reduziert wird oder sogar aus dem Bild verschwindet. Immer ist der Mensch und sein Mythos gegenwärtig.

Vor einem riesigen schwarzen Berg fühlt sich jeder Betrachter unwillkürlich wie Sisyphos, der ewige Steinewälzer. «Mich hält das lebendig», gibt sich Meyer als Gefährte Camus zu erkennen («Wir müssen uns Sisyphos glücklich vorstellen»). Keiner Interpretation bedarf das «Tapetenbuch»: Hier hat Meyer die an die Wand gebannten Symbole bürgerlicher Behaglichkeit zusammengebunden - und auf der Rückseite mit Zeichnungen aus Eisenchlorid versehen. Sehr langsam, über Jahre, frisst sich die aggressive, rostige Substanz ins Papier hinein. An manchen Stellen ist sie schon bis zur Vorderseite durchgedrungen - die Idylle wird brüchig. Form wird bei Meyer zu Seelen-Energie. Seine Gitter beispielsweise sind Räume, in denen sich Menschen schützen, aber auch einsperren.

Struktur und Chaos

Ein wiederkehrendes Thema ist für Meyer der Kampf und die gegenseitige Befruchtung von Struktur und Chaos. Besonders gern benutzt er «Oilbar», eine Art Ölkreide, die er in Kontrast zu Acryl oder Bleistift setzt. Doch egal, welche Technik und welches Material eingesetzt wird: die Handschrift ist immer expressiv und dynamisch.

Richtungsweisend war für Meyer der gymnasiale Kunstunterricht in Kempten beim jüngst verstorbenen Hans Dietmann. Dieser bestärkte Meyer schon in seiner mit zwölf Jahren getroffenen Entscheidung, Künstler zu werden. Hier der Landschafter Dietmann, dort einer, der schon mit 16 wusste: «Mich interessiert nur der Mensch». Eine spannende und inspirierende Begegnung.

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