Allgäu
«Der Mauerfall war meine große Chance»

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In der Serie «20 Jahre Mauerfall» will die Heimatzeitung in den nächsten Wochen die jüngere deutsche Geschichte anhand von Porträts beschreiben. Wir stellen Menschen aus dem Westallgäu vor, deren Leben von der Teilung und der Wiedervereinigung Deutschlands geprägt wurde.

Lindau/Wasserburg Ein Mann wie Jörg Schilling passt nicht in eine enge Welt, schon gar nicht in eine abgeriegelte. Dass der 1962 in Grimmitschau (zwischen Chemnitz und Zwickau) Geborene in der DDR weder alt noch glücklich werden würde, war insofern schon zu Zeiten klar, da von einer Öffnung des Eisernen Vorhangs noch niemand zu träumen wagte. Schilling ist ein umtriebiger Mensch, ein Unternehmer im wahrsten Sinne des Wortes. In Lindau kennt man ihn als Gründer der erfolgreichen Coffeeshop-Kette «Der Kaffeemacher». Die Biografie des 47-Jährigen ist eine wahrhaft deutsch-deutsche Geschichte.

Jörg Schilling hätte eine ganz ordentliche Karriere machen können in seinem Geburtsland, der DDR. Nach seinem Studium erhielt der Handelsökonom die «anerkannte Position» eines Restaurantleiters. Da er aber somit eine Führungsposition bekleidete, prüften Funktionäre in Gesprächen seine Linientreue. Und legten ihm nahe, den Kontakt zu seinen 1982 in die BRD ausgewanderten Eltern abzubrechen. «Da hab ich gesehen, wie das System läuft», sagt Schilling. Am 11. Oktober 1984 stellte er für sich und seine Frau Kerstin einen «Antrag auf Übersiedlung in die BRD» - offizieller Grund: Familienzusammenführung.

Schikanen nach Ausreiseantrag

Schillings wahre Motivation war der Drang, ein Land zu verlassen, das die Menschen einsperrt und bespitzelt. Darüber hätte er nie offen gesprochen, wohl wissend, dass Systemkritik existenzbedrohende Folgen haben konnte. Ein Onkel Schillings war wegen eines DDR-Witzes jahrelang eingesperrt worden, gedemütigt, misshandelt.

Auch der Ausreiseantrag der jungen Familie zog Schikanen nach sich. Aus dem Restaurantleiter wurde ein Lagerarbeiter. Alle zwei bis vier Wochen lud die Staatssicherheit (Stasi) Schilling zu Gesprächen. «Das war Gehirnwäsche. Bis zu zehn Leute versuchten, mir die Ausreise auszureden». An der Arbeitsstelle, im Sportverein, im Wohnblock waren Spitzel auf ihn angesetzt. Entsprechend klein wurde der Kreis von vertrauten Freunden. «Offen zu reden, wie wir es hier tun», sagt Schilling an einem der Tische seiner Lindauer Kaffeemacher-Filiale, «hätten wir uns nie getraut.

Jeder daneben hätte von der Stasi sein können.» Als der studierte Ökonom dann einen Winter lang als Heizer im Keller eines Krankenhauses Kohle in Öfen schaufelt, hatte er das Gefühl «ganz unten» angekommen zu sein. Heute schreibt er es den «jungen Jahren» zu, dass er damals nicht verzweifelt ist. «Ich habe immer an eine Zukunft im Westen geglaubt».

Schillings Beharrlichkeit trug 1987 Früchte. Mit drei Koffern und zwei Reisetaschen passierte die inzwischen dreiköpfige Familie am 13. Dezember die Grenze. Was dann folgte - «nach vielen Ahs und Ohs» (Schilling) angesichts der weihnachtlichen Warenflut in Westdeutschland -, erinnert ein bisschen an die amerikanische Tellerwäscher-Story.

Die Schillings zogen bald nach Süddeutschland, er bekam einen Posten bei Edeka in Lindau, nahm parallel dazu sein schon einmal absolviertes Studium der Handelswirtschaft «unter anderen, westlichen Vorzeichen» bei der IHK Lindau nochmals auf - und brach es ab. «Weil die Mauer fiel», wie Schilling lakonisch formuliert.

«Der Mauerfall war meine große Chance», sagt er. Gemeinsam mit einem Dozenten von der IHK nutzte er die Gunst der Stunde. Sie gründeten im Osten Institute für Umschulung und Weiterbildung und arbeiteten mit den Arbeitsämtern zusammen, bald hatten sie in allen größeren Städten Niederlassungen. Später kauften sie eine Fahrschullizenz. «Wir waren eine der ersten Fahrschulen mit eigenen Autos», erzählt Schilling. Die Pkws kauften sie in einem Lindenberger Autohaus.

Bespitzelt vom Schwager

Es herrschte Goldgräberstimmung. «Überall im Osten bestand Bedarf.» Die nächste Geschäftsidee waren Reisebüros. Das Ehepaar Schilling füllte mit Gästen aus den neuen Bundesländern viele Betten zwischen Wasserburg und Langenargen, und für ein paar Jahre pachteten sie auch das Scheidegger Hotel Post. Parallel dazu gründeten sie ein Immobilienunternehmen.

Der Mauerfall bot Jörg Schilling aber auch eine andere Chance: Er konnte die Akte einsehen, die die Stasi zu seiner Person geführt hatte. Und erfuhr, welche Menschen ihn und seine Familie bespitzelt hatten. Darunter auch der Bruder seiner Frau. Den Schwager, der nach der Wende Bürgermeister geworden war, konfrontierte Schilling Mitte der 90er-Jahre mit dessen Stasi-Vergangenheit. «Der hat von heute auf morgen sein Amt niedergelegt.»

In gewisser Weise befindet sich Jörg Schilling jetzt in einem dritten Lebensabschnitt. 2001 öffnete er seinen ersten Coffeeshop nach amerikanischem Vorbild in Lindau. Als die Kette auf fünf Filialen gewachsen war, hat er «einen Gang zurückgeschaltet», die Reisebüros aufgegeben und einen Teil seiner fünf Kaffeemacher-Filialen als Franchise-Unternehmen weitergegeben.

Einen Laden in Friedrichshafen leitet inzwischen die 24-jährige Tochter Julia. Ihr, die so ganz anders aufgewachsen ist als ihr Vater, hat er immer wieder erzählt, dass alles, was er erreicht hat, «aus drei Koffern und zwei Reisetaschen» entstanden sei. Und dass «wer sich etwas leisten will, auch etwas leisten muss.»

Keine nostalgischen Rückblicke

Nostalgische Rückblicke auf die DDR kann Jörg Schilling nicht nachvollziehen. Er, der im Osten zwar gerne Geschäfte gemacht hat, wollte nie wieder dort leben. «Man hat den Menschen dort das Wichtigste genommen: die Freiheit.»

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