Buchloe / Ostallgäu
Der Mann mit den Adleraugen

Der Nebel wird an diesem Morgen von Meter zu Meter dichter. Man sieht kaum mehr von einem Leitpfosten zum anderen. Mit gut 50 Stundenkilometern schleicht Mathias Lenz dahin. Zwischen Westendorf und Lengenfeld. Keine Frage, Hektik ist in seinem Beruf fehl am Platz. Adleraugen, meint er, seien viel wichtiger. Sprich: Eine gute Beobachtungsgabe ist unabdingbar. Lenz ist schon frühmorgens unterwegs. Im Auftrag des Landkreises Ostallgäu. Mit seinem Kombi fährt er rund 150 Kilometer der kreiseigenen Straßen ab. Stramot heißt das heutzutage in Kurzform, Straßendienst motorisiert. Kontrolliert wird zweimal pro Woche. Einmal zu Beginn, einmal am Ende.

Kraftvolle Schläge

Es ist kurz nach 7 Uhr, den ersten Kaffee hat Lenz längst getrunken. «Es gibt eigentlich immer etwas zu tun», sagt er. Sind Baustellen ordnungsgemäß abgesichert? Wurden Leitpfosten beschädigt oder ausgerissen? Liegen Tierkadaver auf der Fahrbahn? Langeweile kennt Lenz nicht. Und tatsächlich, schon nach wenigen Metern setzt er seinen Wagen rechts ran. Warnblinklicht an, das richtige Werkzeug gegriffen. Ein Leitpfosten liegt umgeknickt in der angrenzenden Wiese. Zwei, drei kraftvolle Schläge mit dem Hammer. Das Problem ist behoben.

Montag ist Großkampftag

Der Schaden wird fein säuberlich protokolliert, samt Kilometerangabe. Dieses Mal war es wohl ein landwirtschaftliches Fahrzeug, das den Pfosten umgefahren hat. Und dann fängt Lenz an zu schimpfen. Vor allem nach Partys zögen sich Spuren der Verwüstung von einem Ort in den anderen. «Nur weil ein paar Betrunkene meinen, sie wären so stark. Dann reißen sie sämtliche Pfosten raus», sagt er. Montags, erzählt Lenz weiter, sei daher quasi Großkampftag. Fast regelmäßig.

Sein Weg führt ihn weiter über Waalhaupten und Waal bis in die nördlichsten Ecken des Landkreises. Lenz ist einer der Pflichtbewussten, seit fast 20 Jahren in diesem Beruf. Hellbraune kurze Haare, kräftige Oberarme, korpulent. Seine orangefarbene Hose trägt deutliche Zeichen harter Arbeit, ist an manchen Stellen mit Dreck verschmiert.

Ob er an einem sonnigen Tag die Fahrten über Land genießt, mit freier Sicht auf den Sonnenaufgang? «Man schaut schon, aber» Eine kurze und unvollständige Antwort. Aber schon im nächsten Atemzug spricht er wieder von Kontrollen und farbigen Markierungen am Straßenrand. Er kennt jede Ecke, jedes noch so kleine Sträßchen in seinem Einsatzgebiet. Fast hinter jedem Kilometer verbirgt sich eine eigene Geschichte. «Da vorne», sagt er und zeigt auf eine Einfahrt. «Da vorne ist ein Vorfahrtsschild eingewachsen», fährt er fort. Den Eigentümer des betroffenen Grundstücks habe er schon oft darauf hingewiesen. Und er tut es auch auf dieser Route wieder. Aussteigen, kurz ein paar freundliche Worte wechseln, das eigene Anliegen schildern. Dann geht es weiter. «Wenn er sich nicht daran hält, bekommt er es schriftlich, mit einer Frist», erklärt Lenz.

Werden die Büsche auch dann nicht geschnitten, greift der Bauhof selbst ein. Auf Rechnung.

Besen und Schaufel

Plötzlich gibt er Gas. Beschleunigt auf bestimmt 80 Stundenkilometer. Der Streckenabschnitt sei gemeindeeigener Grund, der Westendorfer Bauhof daher nicht zuständig. Es geht vorbei an Schlaglöchern und kaputten Reflektoren. Auf der Ladefläche klappern Werkzeugkästen, Ersatzleitpfosten, Besen, Schaufel und Koffer voller Schrauben.

Erst einige Kilometer weiter ist wieder Aufmerksamkeit gefragt. Hier liegt ein Müllsack am Straßenrand, dort ein Plastikriemen. Immer wieder hält Lenz geduldig an. Immer wieder der gleiche Arbeitsablauf. Für nichts ist er sich zu schade. Ja, es sei schon ein gefährlicher Job. Der Raser wegen. Doch in brenzlige Situationen seien weder er noch einer seiner Kollegen bislang gekommen.

«Da haben es die Arbeiter auf einer Autobahn schon um einiges schwerer», sagt er. Die Zeit vergeht wie im Flug. Es geht schnurstracks auf 8 Uhr zu. Wenn in den Häusern am Straßenrand die ersten Rollos geöffnet werden, Schüler an den Haltestellen auf den Schulbus warten und die Dorfmetzgerei ihren Laden öffnet, hat Lenz schon ein Drittel seiner Tour hinter sich.

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