Zölibat
Der Kemptener Pfarrer Rupert Ebbers über das Glück und die Herausforderungen der Ehelosigkeit

Seit Wochen wird darüber heftig debattiert: Soll der Zölibat abgeschafft werden oder nicht? Zuletzt hatten katholische Wissenschaftler deutschsprachiger Universitäten diese Forderung erhoben. Wir sprachen mit Pfarrer Rupert Ebbers, der seit 23 Jahren zölibatär lebt. Er ist Leiter der Pfarreiengemeinschaft Kempten-West und Mitarbeiter in der Priesterseelsorge, die sich um die Sorgen und Nöte von Priestern kümmert. Ebbers erzählt ungewöhnlich offen von den Herausforderungen der Ehelosigkeit und über das Glück, mit der Liebe Gottes zu leben.

Warum löst das Thema Zölibat immer wieder so emotionale Debatten aus?

Ebbers: Die Kirche hat hoffentlich im letzten Jahr gelernt, dass es nichts zu vertuschen und nichts zu beschönigen gibt. Tatsache ist, dass es Priester gibt, die am Zölibat leiden. Ich kenne einige, die wegen der Beziehung zu einer Frau ihr Amt aufgeben mussten, obwohl sie beliebte Seelsorger waren. Und doch staune ich manchmal, dass so viele Priester ihr Zölibat treu und oft auch ohne große Probleme leben. Der Verdacht, wir Priester hätten alle eine Freundin, ist unbegründet. Auf der anderen Seite würde sich der eine oder andere leichter für diesen Beruf entscheiden, wenn es den Zölibat nicht gäbe.

Warum stellt die Kirche die Entscheidung für den Zölibat nicht frei, warum zwingt sie junge Männer, auf Ehe und Familie zu verzichten?

Ebbers: Ich bin niemals gezwungen worden. Ich hatte als junger Mann eine große Sehnsucht nach Ehe und Familie. Ich habe mir die Frage, ob ich zölibatär leben kann, sehr bewusst und intensiv gestellt. Sogar meine Diplomarbeit kreiste um dieses Thema. Dass ich mich kurz vor dem Weihetermin noch mal verliebte, kam völlig unerwartet für mich. Doch dann hat mir Gott ein deutliches Zeichen geschenkt. Da ist mir meine Entscheidung nicht mehr schwer gefallen.

Viele denken: Wer sich für den Zölibat entscheidet, ist lebensfremd oder er kennt sich und seine eigenen Gefühle nicht. Was ist ihre Meinung?

Ebbers: Ich würde als Verantwortlicher die jungen Männer, die Priester werden wollen, ermutigen, im Umgang mit Frauen und mit den damit verbundenen Gefühlen konkrete Erfahrungen zu sammeln. Denn so wie sich Eheleute in andere attraktive Personen verlieben können, so habe auch ich mich als Priester mehrmals verliebt. Das war für mich aber nie ein Argument, dass meine Entscheidung für den Zölibat falsch gewesen sei. Ich habe es eher als Herausforderung gesehen, mir wieder neu bewusst zu werden, welchen Wert meine ursprüngliche Entscheidung für mich und mein Leben hat. Damit habe ich bisher immer die Kurve gekriegt

Und die Sexualität?

Ebbers: Sexualität ist für mich etwas sehr Kostbares. Dass ich meine Sexualität nicht in einer Partnerschaft auslebe, sehe ich weniger als ein Opfer, sondern vielmehr als eine Konsequenz daraus, dass ich in einer Liebesbeziehung anderer Art lebe. Außerdem kenne ich einige, die unfreiwillig ihre sexuellen Bedürfnisse nicht befriedigen können - ob sie keinen passenden Partner gefunden haben oder ob sie innerhalb ihrer Partnerschaft dieses Glück nicht realisieren können. Mit diesen Menschen möchte ich solidarisch sein.

Sie sprechen von einer «Liebesbeziehung anderer Art»?

Ebbers: Das ist für mich der springende Punkt. Die ganze Zölibatsdiskussion wird sehr oft auf die Frage reduziert, warum wir keinen Sex haben dürfen - und das nervt mich! Hinter unseren sexuellen Bedürfnissen steht doch das tiefere Bedürfnis, geliebt zu sein. Das ist menschlich! Und dieses menschliche Bedürfnis, geliebt zu sein, soll und will und kann im Zölibat erfüllt werden - wenn auch nicht auf sexuelle Weise.

Kann Ihnen diese Beziehung das geben, was eine Ehe gibt?

Ebbers: Meine Entscheidung für den Zölibat habe ich nie als eine Entscheidung gegen die Ehe oder gegen eine sexuelle Beziehung empfunden. Mir war klar: wenn ich zölibatär leben will, dann muss Gott mein Alles sein. Und er ist ein «pflegeleichter» Partner. Er ist großzügig.

Wenn ich täglich zwei Stunden bete, dann lasse ich mich «betören». Ich weiß, das können nicht alle nachvollziehen. Aber die Liebe Gottes ist mehr, als man sich denken oder wünschen kann. Darum war die Entscheidung für den Zölibat für mich goldrichtig

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