Oberostendorf
Der Hof am Rande des Dorfes

Stefan Kerler ist ein fröhlicher Mensch. Keiner von denen, die den ganzen Tag vor sich hinschuften, ohne ein Wort zu sagen. Doch in letzter Zeit hat es ihm oft auch die Sprache verschlagen. Der Oberostendorfer Landwirt muss sich manchen Vorwurf gefallen lassen, seitdem er dem Hamburger Unternehmen Conergy 7,7 Hektar Land für eine Freiflächensolaranlage verpachtet hat. Nur wenige sagen ihm ihre Meinung darüber ins Gesicht. «Das meiste wird hintenrum erzählt», so Kerler.

«Mir blutet das Herz»

«Es war die richtige Entscheidung», ist der Landwirt überzeugt. Doch wenn der 41-Jährige an dem Solarpark, der zurzeit gebaut wird, vorbeifährt, beschleichen auch ihn gemischte Gefühle. Als der Milchpreis im vergangenen Jahr noch bei 37 Cent lag, hat er wie viele seiner Kollegen aus Protest eine Zeit lang täglich 800 Liter Milch weggekippt. «Mir blutet heute noch das Herz», sagt er. Mittlerweile gibt es 22 Cent. «Ich wäre sofort wieder ausschließlich klassischer Landwirt, wenn ich davon leben könnte.» Kerler hat Alternativen gesucht - und gefunden.

1991 hatte der Oberostendorfer seinen Aussiedlerhof am Ortsrand errichtet. Der Sohn eines Land- und Gastwirts baute sich ein Haus dazu, in dem heute vier Generationen wohnen. In der Übergangszeit lebte die Familie auch im Wohnwagen. «Was hatten wir ständig Besuch von anderen Kindern, dauernd war was los», lacht Ehefrau Isolde. Sie: kastanienbraunes Haar, zehn Jahre älter als ihr Mann, von Kaufbeuren aufs Dorf gezogen. Manchmal lackiert sie sich sogar die Fingernägel. Dem Bild einer Bauersfrau entspricht sie nicht. Doch der Hof ist ihr Leben. «Seitdem die Diskussion um den Solarpark begonnen hat, lernen wir unsere Freunde wirklich kennen», sagt Isolde Kerler.

Conergy nahm Kontakt zu der Familie auf, als vor Jahren der Getreidepreis bereits abstürzte und der wirtschaftliche Druck auf dem Hof stieg. Ein Kollege hatte vermittelt. Doch erst im Juli dieses Jahres rückten die Arbeiter an, nachdem sich bei dem Unternehmen die Finanzierung verzögert hatte. Auch in Oberostendorf musste nach den jüngsten Kommunalwahlen der neue Gemeinderat quasi bei null mit der ohnehin zäh verlaufenden Planung anfangen. «Der Widerstand bei drei oder vier Landwirten war schon immer da», blickt Kerler zurück. «Und je länger es dauerte, desto mehr wurde unter den Gegnern geredet.» Befürworter in Oberostendorf heben die unendlich vorhandene, saubere Sonnenenergie zum Nulltarif, langfristige finanzielle Vorteile und zusätzliche Einkommensquellen für die Landwirtschaft hervor.

Die Gegner geißeln die in ihren Augen hässlichen Module und den Flächenverbrauch. Für Kerler sind die 7,7 Hektar Fläche nichts als «ruhender Grund». Der Ackerboden werde nicht versiegelt, auch die Ständer der Module seien nicht betoniert. Nicht mal eine biotopähnliche Entwicklung möchte er ausschließen. «Im Vergleich zur Biomasse für die Energiegewinnung liegt der Flächenverbrauch für Solaranlagen bundesweit im Promillebereich», sagt er. Die Pachtzeit läuft 20 Jahre, mit Option auf Verlängerung. Kerler darf dann entscheiden, ob die Anlage mit Fremdkapital weiterbetrieben wird, er sie selbst übernimmt oder abbauen lässt. Der Landwirt verhehlt nicht, was ihm das Conergy-Geschäft bringt: «Das Wohnhaus ist fast finanziert.»

Kerler bewirtschaftet Grün- und Ackerland, 50 Kühe stehen im Stall. Auf dem Bauernhof hat sich nun eine neue Baustelle aufgetan. Die Familie möchte künftig auch mit einer Straußenzucht Geld verdienen. Das Fleisch der Tiere ist begehrt, ihre Eier gelten als cholesterinarm, sogar die Federn lassen sich vermarkten. Bald will sie auch auf den Dächern ihres Hofes weitere Solarmodule installieren. «In meinem Herzen bin ich sogar noch ein wenig Gastwirt», sagt Kerler. Aber dafür ist die Zeit nun wirklich knapp.

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