Allgäu
Der Herr über die Weichen und Zeichen

Die Allgäuer Zeitung beleuchtet in einer Serie das Leben in Marktoberdorf und Umgebung rund um die Uhr - täglich eine Stunde. Von 17-18 Uhr waren wir am Bahnhof Marktoberdorf. Marktoberdorf Xaver Frank ist der Herr über 37 Kilometer Schienen und viele, viele Weichen zwischen Biessenhofen und Füssen. Um kurz nach 17 Uhr ist am Marktoberdorfer Bahnhof gerade einiges los und Frank hat seine Kommandozentrale im Inneren des Gebäudes verlassen, um draußen am gerade angekommenen Zug eine bayernweite Besonderheit zu erledigen. Behände nimmt der 52-jährige Fahrdienstleiter mit dem Dreitagebart und der eckigen Brille den sogenannten Zugschlusssender aus der Halterung an einer Laterne am Bahnsteig und hängt ihn hinten an die Bahn. Der Sender ist ein unförmiges Metallgestänge mit einem großen Magneten am Ende. «Der Magnet sperrt die eingleisige Strecke zwischen Füssen und Marktoberdorf für andere Züge», erklärt Frank, inzwischen wieder drinnen angekommen. Eine Sicherheitsmaßnahme, damit sich nicht zwei Züge entgegenkommen.

Frank sitzt vor dem Schreibtisch, auf dem nicht nur ein antik wirkendes, graues Fernmeldetelefon, sondern auch ein Computer steht. Elementar ist allerdings das Bedienpult, auf dem schemenhaft und mit kleinen Lichtchen hinterlegt Bahnhof, Gleise und Ampeln dargestellt sind. Hiermit, beziehungsweise mit den kleinen Knöpfchen auf dem Pult, steuert Frank die Ein- und Ausfahrt der Züge elektronisch - zumindest die in Richtung Biessenhofen. Just als er die Funktionsweise des Pultes erklärt, ertönt ein Hupen. Es kündigt einen von Füssen kommenden Zug an. Frank steht auf und geht in den Vorraum. Dort steht eine weitere Besonderheit des Bahnhofs: das mechanische Weichenstellwerk, mit dem die Weichen Richtung Füssen von Hand bedient werden. Frank drückt gleichzeitig die Entsicherung und zieht den stählernen Hebel nach oben.

Die Weiche ist gestellt. Nicht so wie damals, als es sich ein Marder in einer Weiche gemütlich machte. «Da musste der Kollege raus und das ungewöhnliche Problem beheben», erinnert sich Frank, der seit 1997 Fahrdienstleiter ist.

Fast immer drei Züge gleichzeitig

58 Züge fahren werktags zwischen 4.40 und 0.10 Uhr in den und aus dem Marktoberdorfer Bahnhof. «Zu Stoßzeiten sind es mehr als sonst», erklärt Betriebsleiter Ignaz Gestle, der dem Bahnhof an diesem Spätnachmittag einen Besuch abstattet. Folglich sind auf der Strecke zwischen Füssen und Biessenhofen, für die Xaver Frank und seine vier Kollegen in drei Schichten zuständig sind, fast immer drei Züge gleichzeitig unterwegs. Für Frank, dessen Schicht an diesem Tag noch bis 19 Uhr geht, bedeutet das ein beständiges Kontrollieren, Kommunizieren, Überwachen und Steuern.

Wenn Frank die Weichen gestellt, die Sender gehängt und die Knöpfe gedrückt hat, geht er ans Telefon. Ein Zugführer ruft an, um die Freigabe für die Weiterfahrt aus dem Bahnhof Lengenwang zu erhalten. Er macht eine Haltmeldung und eine Fahranfrage - so heißt es im Bahndeutsch. «Zugleiter Marktoberdorf», meldet sich Frank.

Während des stakkatoartigen Gesprächs erhält der Zug mit der Nummer 91254 die Freigabe zur Weiterfahrt. Frank notiert etwas im Zugmeldebuch, lehnt sich kurz zurück und blickt durch den Raum. Als etwas veraltet, aber sympathisch könnte man das Innere des Bahnhofs bezeichnen. Bilder aus längst vergangenen Zeiten hängen an den Wänden. «So sah der Bahnhof um 1900 aus», sagt Frank und deutet auf ein vergilbtes Foto in schwarz-weiß. Reisende sind auf dem Bild ebenfalls zu sehen.

Auch draußen regt sich jetzt wieder etwas. Hektische und gemütliche Reisende warten auf dem Bahnsteig. Die meisten von ihnen wissen nichts davon, wie Xaver Frank hier den Verkehr regelt. Nur hin und wieder sehen sie ihn mit einem Zugschlusssender über den Bahnsteig huschen.

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