Marktoberdorf
Der gute Ruf im Anzeigenteil

Brutale Schlägereien, hinterlistiger Betrug und spektakuläre Gerichtsprozesse waren schon vor über hundert Jahren Thema in den Medien. Allerdings gab es entscheidende Unterschiede zur heutigen Zeit.

Die Geschichtswissenschaftlerin Alexandra Ortmann schreibt an der Universität Göttingen ihre Doktorarbeit über die Rolle der Strafgerichte um die Jahrhundertwende im Allgäu. Ein Aspekt davon ist die Rolle der Medien, in diesem Fall des Oberdorfer Landboten.

Damals wurde öfter und schonungsloser aus dem Gerichtssaal berichtet, so Ortmann. Die Leser kannten aus den Artikeln nicht nur Beruf und Wohnort des Angeklagten, sondern auch dessen Namen. Das war für ihn und seine Familie mehr als unangenehm, zumal es durchaus passieren konnte, dass über den späteren Freispruch nichts zu lesen war.

Dies führt zu dem eigentlichen Kuriosum jener Zeit: strafrechtlichen Privat-Annoncen. Wie zum Beispiel eben jener Angeklagte, der seinen Freispruch per Zeitungsinserat kund tat, um seinen Ruf wiederherzustellen. Marktoberdorf war mit nicht einmal 2000 Einwohnern zwar viel kleiner als heute, aber die Welt der Menschen war damals schon zu groß, als dass allein Gespräche mit Nachbarn und im Wirtshaus dafür ausgereicht hätten. Das Dorfgespräch fand inzwischen auch über die Zeitung statt.

Zur Sicherung der wirtschaftlichen Existenz

Meist waren es laut Ortmann zwei Arten von Inseraten: Zum einen die von Tätern, die auf diese Weise etwa ihre ausgesprochenen Beleidigungen öffentlich zurücknahmen, um ein Gerichtsverfahren zu vermeiden. Und zum anderen die von Opfern, die so ihren Leumund schützen wollten.

Zum Beispiel der Bauer, der eine Kuh verkauft hatte. Er stellte in der Zeitung klar, dass das Tier gesund gewesen sei - und nicht etwa krank, wie der Käufer behauptet hatte. Das mag für den heutigen Leser amüsant wirken, bedeutete aber damals für den Bauern die Sicherung seiner wirtschaftlichen Existenz.

«Solche Inserate standen dann mitten zwischen der Werbung für neue Fahrräder, dem neuen Mittel gegen Magenschmerzen und der Stellenanzeige für einen Knecht», erklärt Ortmann. Zuweilen entwickelte sich ein regelrechtes Ping-Pong-Spiel im Anzeigenteil. Ortmann schildert den Fall eines Bürgers, der einem örtlichen Pfarrer schwere Vorwürfe machte. Welche genau, das lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Die Polizei lasse er außen vor, weil man einen Pfarrer schließlich nicht anzeige.

Er wolle aber, dass die Menschen von dessen schändlichem Tun wüssten - und tat dies per Inserat kund. Anhänger besagten Pfarrers hielten Tage später in einer eigenen Annonce dagegen, um die Vorwürfe zu entkräften. Der Kritiker des Pfarrers schaltete seinerseits wieder eine Anzeige, die die andere Seite erneut mit einer Annonce konterte.

Diese aus heutiger Sicht kuriosen Inserate waren aber nicht die Regel und standen nicht auch damals nicht jede Woche in der Zeitung, erklärt Ortmann. Im frühen 20. Jahrhunderts verschwanden sie langsam. Aber nicht ganz: Noch heute werden flüchtige Autofahrer per Zeitung aufgefordert, sich nach einem Parkrempler beim Opfer zu melden, ansonsten gibts eine Anzeige - dann nicht mehr bei der Zeitung, sondern bei der Polizei.

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