Facebook-Aufruf
Den letzten Wunsch des Vaters erfüllt: Kemptenerin findet nach 30 Jahren ihre Halbschwester

Ostern ist Auferstehung, Leben und Heil - so die christliche Osterbotschaft. Ein gemeinsames Leben von Hanne Stich (45) und Marion Vöhringer (52) beginnt nicht nur an Ostern, es ist selbst wie ein Stück österlicher Neubeginn. Denn nach über 30 Jahren ohne Kontakt haben sich die Halbschwestern wiedergefunden. Ein Moment des großen Glücks.

Zusammengeführt haben sie aber Schmerz und Trauer an den Kartagen. Denn der Vater von Hanne Stich und Marion Vöhringer ist todkrank. Ihm will seine Tochter Hanne noch einen letzten Wunsch erfüllen: Das andere Kind, Marion, mit der er so wenig Kontakt hatte, noch einmal sehen. Und so macht sich Hanne Stich auf die Suche. Über Facebook. Innerhalb eines Tages wird sie fündig. Ihr Aufruf in dem sozialen Netzwerk wird über 18 000-mal geteilt.

"Bitte helft mir meine Halbschwester Marion Vöhringer zu finden! Mein Papa befindet sich im Hospiz Kempten und möchte gerne seine Tochter nochmal sehen! Ich habe keine Ahnung, wo sie lebt in Deutschland. Bitte teilt es, damit sein letzter Wunsch erfüllt wird. Ich weiß jetzt, dass sie in Kahla (Ostdeutschland) geboren ist und ihre Mutter Regina heißt.".

Diese Worte schickt die Kemptenerin Hanne Stich am Karfreitag gegen Mittag ins weltweite Netz. Sofort melden sich zahlreiche Menschen, um Glück zu wünschen und die Daumen zu drücken. Eine erste Spur läuft ins Leere. Doch am Morgen des Karsamstag liest nahe Sigmaringen eine Arbeitskollegin von Marion Vöhringer den Aufruf und spricht deren Tochter an. Sie reagiert dann sofort und schreibt - ebenfalls via Facebook - an Hanne Stich. Der Kontakt ist geknüpft.

Danach geht alles ganz schnell. Marion Vöhringer telefoniert mit dem Hospiz und setzt sich sofort ins Auto, um nach Kempten zu fahren. In zwei Stunden soll sie ihre Halbschwester wiedersehen, mit der sie über 30 Jahre lang keinen Kontakt hatte. Und ihren Vater, von dem sie zuletzt vor einem Jahr gehört hatte, den sie aber ebenfalls vor Jahren zuletzt gesehen hat.

Vater und Tochter hatten kaum Kontakt all die Jahre. Am Samstagabend sitzen die beiden Frauen, umringt von Töchtern und Enkelkindern von Hanne Stich, in deren Wohnung beieinander. Viele Tränen sind an diesem Tag geflossen. So viele Gefühle haben die Halbschwestern durchlebt. Tiefe Verzweiflung, aber auch große Erleichterung und Glücksgefühle.

Verzweiflung, weil Marion Vöhringer bewusstgeworden ist, dass sie quasi nichts aus dem Leben ihres Vaters weiß. Dass so viele Jahre verloren sind. Erleichterung, weil es noch nicht ganz zu spät war. Zumindest, sagt Marion Vöhringer, hat ihr Vater sie noch erkannt, konnte sie ihm noch einige Dinge sagen. Ihr ist wichtig, dass er in Frieden gehen kann. Glück, denn zwei Geschwister haben sich nach so langer Zeit wiedergefunden.

Es hat sich irgendwie nie ergeben

Warum das vorher nicht gelang? Eine schwierige familiäre Konstellation, ein nicht unerheblicher Altersunterschied, schon immer eine große räumliche Distanz, das jeweils eigene Leben mit Kindern und Beruf:

Irgendwie, sagen die beiden Schwestern, hat es sich nie ergeben. Auch wenn man sich gleichzeitig gar nicht vergessen hat. Vieles gibt es noch zu sagen zwischen den Schwestern, Vieles aufzuarbeiten. Ein Tag reicht dafür längst nicht aus. Aber Marion Vöhringer muss abends zunächst wieder zurück zu ihren Kindern. Es ist ja alles furchtbar schnell gegangen.

Doch Marion Vöhringer wird zurückkommen nach Kempten. Die Chance, sich jetzt kennenzulernen, wollen die Schwestern auf keinen Fall verstreichen lassen. Als Familie zusammenwachsen möchten die drei- (Hanne Stich) und fünffachen (Marion Vöhringer) Mütter und auch dafür sorgen, dass ihre Kinder den Kontakt finden und halten.

Das hat Marion Vöhringer ihrem Vater versprochen. Auch wenn die beiden wohl nicht mehr miteinander sprechen können. "Das tut so weh", sagt Marion Vöhringer leise. Ihre neugewonnene Nichte Lea umarmt sie. Sie ist ein Stück des Heils, das der andere Teil dieser Geschichte ist. Einer Geschichte von Sterben und Neubeginn. Ostern 2016.

Autor:

Sabine Beck aus Kempten

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