Obergünzburg
Dem Verlauf der alten Wehrmauer gefolgt

Wie war die alte Wehrmauer tatsächlich beschaffen, die bis zu ihrem Abbruch im Jahr 1806 die Obergünzburger Kirche umgab? Im Zuge der Neugestaltung des Kirchenumfeldes brachten die Grabungen des Archäologischen Arbeitskreises für das Allgäu sowie des Obergünzburger Arbeitskreises Heimatkunde einige neue Fakten zutage. Wie Grabungstechniker Peter Pfister im Gespräch erläutert, war diese einzige bekannte zweistöckige Allgäuer Kirchen-Wehrmauer in ihrem unteren Teil nur etwa 1,20 Meter stark - nicht 1,65 Meter, wie noch in der Epplen-Chronik zu lesen.

Pfister, der Grabungen im Auftrag des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege ehrenamtlich beurteilt, verweist darauf, dass moderne Historiker die alten Chroniken nur mit Vorbehalt zitieren. So habe Pfarrer Franz Xaver Gutbrod sich in seiner 1889er Chronik vermutlich auf bloße Erzählungen über die Beschaffenheit dieser besonderen Mauer gestützt. Die Umrechnung der alten «Fuß»-Maße in Meter bei Herman Epplen sei eine mögliche weitere Fehlerquelle.

Im Rahmen der diesjährigen Bauarbeiten rund um die Kirche wurde die Anfang der 1950er Jahre entstandene bisherige niedrige Kirchplatzmauer durch eine neue Umfassungsmauer ersetzt und diese derart verlegt, dass sie jetzt dem Verlauf der einstigen Wehrmauer folgt. Ein Stück dieser Originalmauer ist auf der Kirchennordseite nun wieder sichtbar.

Dass unter der 1451 von Pfarrer Erhard Kurzklaus gebauten einstigen Wehrmauer bereits eine noch ältere Straßenpflasterung zum Vorschein kam, lässt Pfister mutmaßen, dass die alte Landstraße von Kempten einst über den Nikolausberg verlief und auf der Grundlage der alten Römerstraße gebaut worden ist.

Fest stehe, so Pfister, neben Nagelfluh, Tuff- und Sandsteinen wurden auch «Spolien» für die Kirchen-Wehrmauer verwendet, also behauene Steine, die aus bestehenden Bauten gebrochen und wiederverwendet wurden. Dass sie aus der ehemaligen Burg auf dem Nikolausberg stammen könnten, sei seine Vermutung.

Zahlreiche Brandschichten

Nach dem großen Brand im Jahr 1804 wurde die alte Wehrmauer dann abgetragen und die Steine zum Wiederaufbau des zerstörten Obergünzburger Ortskerns verwendet. Auf zahlreiche Brandschichten sind der archäologische Arbeitskreis und die Helfer vom Arbeitskreis Heimatkunde auch bereits 2008 bei Grabungen in der Kapitän-Nauer-Straße gestoßen. Desgleichen heuer vor dem Geschäftshaus Tschaffon, wo die Befunde, um den Baufortschritt nicht zu verzögern, abgedeckt wurden und als schützenswertes Bodendenkmal im Boden verblieben.

Nicht im Boden, sondern durch den zufälligen Hinweis eines Kollegen in einer Augsburger Chronik, hat Pfister eine mögliche Ursache des großen Obergünzburger Brandes von 1560 entdeckt, dem auch das damalige Kirchenschiff zum Opfer gefallen ist: Alten Gerichtsakten ist

zu entnehmen, dass ein verdächtiger «Bettler» im Juni 1560, nach «peinlicher Befragung», neben Morden und Gräueltaten gestanden hätte, aus Rache den «flecken Gintzburg im Algew» angezündet zu haben. Der Mann wurde daraufhin grausam hingerichtet.

Bevor der Obergünzburger Museumshof 2010 neu gestaltet wird, soll auch er archäologisch erkundet werden. Freiwillige Helfer, so Pfister, seien dafür willkommen.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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