Kemnat
Das Werk des Ziegenhirten

Eine Kirche im Vatikan, das Deutsche Museum in München und das Gotteshaus St. Stefan in Kleinkemnat - drei Gebäude, wie sie unterschiedlicher wohl kaum sein könnten. Und doch dürfen sie in einem Atemzug genannt werden, denn auf allen drei Türmen schlägt eine Uhr aus dem Werk des in Fachkreisen berühmten Uhrmachers Johann Mannhardt. Der Zeitanzeiger hat am kommenden Sonntag sogar ein Jubiläum.

Dann nämlich gibt es einen Festgottesdienst in der Kirche anlässlich der 125-jährigen Geschichte der Uhr. Eigentlich ist sie schon ein Jahr älter, sie wurde 1883 eingebaut. Doch wegen der Renovierung der Kirche findet die kleine Feier erst heuer statt, erklärt der Kemnater Adolf Hausmann, der die Uhr betreut. Dabei sollte diese vor Jahren ausgetauscht werden. Doch ein Vergleich der Kosten zwischen Reparatur (800 Mark) und Neuanschaffung (10000 Mark) ließ das Pendel zugunsten der alten Uhr ausschlagen.

Ihr Erbauer Mannhardt war seiner Zeit wohl voraus. «Er wurde vom Hütebub zum Genie», meint Hausmann. Mannhardt wurde 1798 in Bürstling bei Gmund geboren.

Später erlernte der Ziegenhirte das Uhrmacherhandwerk und schuf die Turmuhr in Egern, die 1826 wegen ihrer besonderen Konstruktion als Meisterwerk ausgezeichnet wurde. Im gleichen Jahr siedelte der frühere Hirte in die bayerische Landeshauptstadt über.

Nach anfänglichen Problemen - da wegen der wirtschaftlichen Lage kaum Uhren bestellt wurden, baute Mannhardt zunächst die erste rationelle Ölmühle in Bayern sowie Aufzüge oder Dachstühle - konnte er seine Firma etablieren: Weltweit waren die Uhren gefragt und es hagelte internationale Preise für den Mann mit der fehlenden Schulbildung. Mannhardt entwickelte ganz neue Techniken.

«Durch seine Turmuhren mit freischwingendem Pendel und minutenweise springenden Zeigern hatte er den Großturmuhrenbau geradezu revolutioniert», berichtet Anton Hamberger in einer Kurzbiografie.

Die Uhr in Kleinkemnat besteht aus so genanntem Temperguss: «Sie hat keine schmiedeeiserne Zahnräder oder Rahmen, sondern gegossene Teile, die die Außentemperaturen ausgleichen», so Hausmann. Seit nunmehr 126 Jahren macht die Uhr 396 Schläge für Viertelstunden, volle Stunden und Uhrzeiten pro Tag. Über drei Seilrollen für Uhr, Stunde und Minuten wird die Uhr aufgezogen - derzeit übernimmt Mesnerin Afra Bucher täglich diese Aufgabe.

Mannhardt starb zwar bereits 1878, aber die Uhr ist ohne Zweifel aus seinem Werk, wie die Aufschrift zeigt. Denn der Mann war für seine Akuresse bekannt: 1873 stellte er seine tausendste Turmuhr her, kaum eine glich der anderen. «Meist baute er Einzelstücke mit der ihm eigenen Präzision», so Hamberger. Da dauerte die Anfertigung länger und für Kleinkemnat stellten eben seine Mitarbeiter die Uhr fertig.

Zum Jubiläum findet am Sonntag, 25. Oktober, um 8.30 Uhr ein Festgottesdienst mit der Musikgruppe Latitia statt. Bei der Messe hält Adolf Hausmann auch einen kleinen Vortrag zur Kirchturmuhr.

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