Drachen
Das Spiel mit der frischen Brise

«Eine schöne Sache, eine wunderbare Erfahrung.» Noch heute schwelgt Jörg Schneider, Rektor der Marktoberdorfer St. Martinschule, gern in Erinnerungen. Da flatterte sein Drachen im Herbstwind und trug vielleicht manch schwere Gedanken fort. Heutzutage denken die Kinder bei Drachen eher an Fantasie- oder Märchenfiguren, weiß Susan Reiter-Röderer, Leiterin des Kindergartens in Unterthingau. So wundere es nicht, erklärt Helga Franz von Spielwaren Härtle in Marktoberdorf, dass es in der Hauptsache eher die Großeltern seien, die ihre Enkel auf den Geschmack bringen.

Dabei erweise sich der klassische Steinadler, der auf den Kunststoff aufgedruckt ist, immer noch als der Verkaufsschlager. Um ihn zu kaufen, fehlte es Helga Franz in ihrer Kindheit an genügend Taschengeld: «Ich habe mir als Kind selbst einen Drachen gebaut: aus einer Plastiktüte.» Fantasie war eben gefragt.

Diese Fantasie sei es, die immer mehr verloren gehe, bedauert Karin Wehle-Hausmann vom «JoJo»: «Die Kinder sitzen mehr am Computer.» Als sie selbst noch Leiterin eines Kindergartens war, «haben wir mit den Kindern Drachen gebastelt. Danach gab es auf einem Feld ein Drachenfest mit einem zünftigen Kartoffelfeuer». Von dieser Stimmung ist sie noch heute ganz ergriffen. Wohl auch ein Grund dafür, weshalb sie nach wie vor Drachen anbietet.

Trend geht zum Lenken

Ähnlich gehe es denjenigen Mädchen und Buben, die mit ihren Eltern oder Großeltern dem fliegenden Wesen hinterherblicken, sagt Susan Reiter-Röderer: «Jedes Kind, das das ausprobiert hat, findet es toll.»

Dabei geht selbst bei den Jüngsten der Trend hin zu Fluggeräten, die sie selbst steuern können, also Lenkdrachen oder Lenkmatten. Sie bestehen aus hochwertigem Material und halten auch kräftigere Windböen aus, erklärt Helga Franz. Jedoch führt sie nur kleine Matten, denn bei größeren heben Kinder im wahrsten Sinne ab.

Auf Bestellung gebe es sie im Sportgeschäft, berichtet Rainer Lipp von Sport-Lipp. Doch er gesteht: «Das Geschäft mit ihnen ist eher verhalten.» Was wahrscheinlich am mangelnden Wind im Allgäu liegt, wie er nicht zu Unrecht vermutet. Denn wer einmal eine Lenkmatte am Meer den Kräften der Lüfte ausgesetzt hat, der weiß, wie ursprünglich die Begegnung mit der Natur sein kann. Er lernt sie lieben. So sind auch im Ostallgäu bei richtigem Wetter immer wieder Kiter zu finden, die sich - im Winter auf Skiern oder im Herbst auf Rollen - ziehen lassen.

Auch Jörg Schneider ist nach wie vor fasziniert vom Spiel mit der steifen Brise: «Im Erwachsenenalter habe ich mir wieder einen Drachen gekauft.» Seine Schulkinder, die basteln im Werkunterricht eher Vogelhäuschen für den Winter - und Drachen, um sie als Schmuck an die Fenster zu kleben. «Das Interesse am Drachen ist ein Stück weit rückläufig», bedauert nicht nur er.

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