Kempten
Das seltsame Gefühl, im Gefängnis zu swingen

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Noch wenige Minuten, bis sich die Gefängnistore öffnen. Fast komplett hat sich die Schüler-BigBand vor der Justizvollzugsanstalt (JVA) versammelt. Einer fehlt allerdings: Der Posaunist. «Wow», entfährt es dem Saxofonisten Daniel (18), «unser erster außerschulischer Auftritt - und das im Knast.» Gitarrist Lorenz (18) lobt das soziale Engagement von Musiklehrer Hans Fehre. Eine «nette Idee» von ihm sei das gewesen, mal bei den «Knastis» aufzuspielen. «Wenns schief geht, auch nicht tragisch», witzelt ein Bandkollege, «die können das ja nicht weitersagen.»

Ein Justizbeamter winkt zum Einlass. Bandleader Fehre bittet um fünf Minuten Wartezeit - die letzte Chance für den abgängigen Posaunisten. Doch der taucht nicht auf. Vielleicht hat er ja Muffe bekommen, rätselt man. Irgendwie beschleicht auch die 26 Schülerinnen und Schüler des Carl-von-Linde- sowie des Hildegardis-Gymnasiums ein seltsames Gefühl, als sie dem Mann in Uniform folgen. An tristen grauen Wänden, vergitterten Fenstern und hohen Gefängnismauern vorbei geht es Richtung Mehrzweckraum.

Dort herrscht noch gähnende Leere. Auf der Bühne packen die Schüler ihre Instrumente aus. Die Klarinettisten Laura (11) und Finn (12) geben sich gelassen. Sie sind heute die Jüngsten im Knast. Zunehmende Nervosität beschleicht dagegen ihren Lehrer. Eine Big-Band ohne Posaunen ist in etwa so wie Spaghetti ohne Tomatensoße.

Als wäre es nicht schon Herausforderung genug, eine ganze Stunde Programm zu spielen («das ist für uns heute Premiere»), muss jetzt auch noch improvisiert werden. Hornistin Natalie soll die fehlende Posaune imitieren.

«Mal eine Abwechslung»

Da marschieren sie ein, die Jungs aus dem Knast. Von sieben Anstalts-Mitarbeitern streng bewacht, nehmen sie auf den Stühlen Platz. 94 der 345 Männer, die in Kemptens JVA einsitzen, füllen die Sitzreihen. «Mal ne Abwechslung», sagt einer grinsend. Dirigent Fehre gibt sich bescheiden. So manches Stück, meint er, höre sich vielleicht «noch etwas selbstgestrickt» an. Doch man bemühe sich, «hier ein nettes Konzert» zu geben.

Und los gehts. Schwungvoll, mit dem «Sonderzug nach Pankow» (der Swing-Klassiker Chattanooga Choo Choo von Glenn Miller). In dem würde so mancher Häftling lieber sitzen als im Knast. Und noch ein Eisenbahnerstück: Blue train. Von wegen selbstgestrickt. Das Publikum gerät in Stimmung, wippt mit den Füßen und klatscht. Im Nu ist der einstündige Auftritt vorbei. Applaus, johlender Beifall und «Zugabe»-Rufe ereilen die Schüler-Bigband. Die legt noch ein Stück nach.

«Morgen bitte noch mal kommen», brüllt einer aus der Menge. Ein Wunsch, der nicht erfüllt werden kann. «Alles ist prima gelaufen», freut sich am Ende Hans Fehre, «die Natalie hat uns gerettet.» Entspannt wirken auch Saxofonist Daniel und Gitarrist Lorenz. Die Jungs sind froh, dass sie das Gefängnis, im Gegensatz zu den «Knastis», wieder verlassen dürfen.

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