Extremismus
Das Problem der radikalen Ränder: Allgäuer Salafistenszene wächst

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Zwei junge Männer, der eine 18, der andere 22, in der Kemptener Fußgängerzone: Auf dem Boden liegt eine Tasche, darin befinden sich Bücher, Flugblätter, Broschüren über den Koran, über die Rolle der Frau im Islam, über den Dialog von Christen und Muslimen. Eine Passantin bleibt stehen, lässt sich ein Buch geben, die meisten jedoch gehen vorüber.

Die beiden Männer, die die Schriften verteilen, gehören der Salafistenszene an, die Szene aus der Kemptener Innenstadt ist einige Wochen alt. Zwar ist die Gruppe von Salafisten in Kempten und dem Oberallgäu in den vergangenen Wochen nach Informationen unserer Zeitung leicht angewachsen. Doch es sind längst nicht nur die radikalen Muslime, die den Frieden gefährden. Ein Blick auf die radikalen Ränder.

Gut ein Dutzend radikale Muslime gibt es in und um Kempten. Fast alle sind jung, die einen deutsch, die anderen mit ausländischem Pass. Was sie eint, ist ihr Hass auf die Demokratie und die Gesellschaft, die Ablehnung von Menschenrechten und Gleichberechtigung.

Nordrhein-Westfalen, Österreich, Syrien, Irak - quer durch Deutschland und rund um den Globus sind die jungen Allgäuer vernetzt mit anderen Radikalen und jungen Terrorkämpfern. Und die Szene im Allgäu wächst - wie in ganz Deutschland. Unseren Recherchen zufolge sind neulich wohl zwei Männer hinzugekommen, darunter möglicherweise ein Islamkonvertit aus dem Oberallgäu. Ein Rezept dagegen ist derzeit kaum zu erkennen.

Zuletzt waren Kempten und das Oberallgäu mit vier Ausreiseverboten bayernweit an der Spitze gewesen. Nun die Kehrtwende: Erhan A., dessen Ausreise eigentlich verhindert werden sollte, wird nun womöglich abgeschoben. Der 22-Jährige wurde verhaftet.

Beobachtet wird die Salafistenszene vom bayerischen Verfassungsschutz und der Polizei. Im Kemptener Präsidium gibt es mehrere Anlaufstellen, in denen politisch motivierte Straftaten bearbeitet werden. Zum einen gibt es die Experten für die Organisierte Kriminalität in Neu-Ulm (zuständig für Mafia, Rockerbanden und Islamisten - dort liefen die Ermittlungen gegen den in Syrien getöteten Gotteskrieger David G.), zum anderen gibt es bei jeder Kripo ein Kommissariat Staatsschutz. Dort werden die Ermittlungen bei rechten und linken Straftaten geführt. Zum Beispiel auch bei Hakenkreuzschmierereien.

Rechte und linke Szene, sagt Polizeisprecher Christian Eckel, seien im Allgäu etwa gleich groß. Ohne das Unterallgäu bilden etwa 50 Männer und Frauen den harten Kern der rechten Szene im Allgäu. Zähle man alle Mitläufer und Sympathisanten mit, gebe es etwa 150 Mitglieder. "Die linke Szene umfasst etwa 40 Mitglieder", so Eckel.

Die rechtsextremen türkischen Grauen Wölfe - vor Jahrzehnten für viele ein Schreckgespenst vor allem in der Kemptener Altstadt - seien kein Thema mehr. Allerdings berichten einige türkischstämmige Kemptener, dass das Gedankengut der Grauen Wölfe keineswegs verschwunden sei, es noch immer Sympathisanten gebe. Bei den Salafisten hatte schon im Juli Erhan A. Koranverteilungen angekündigt. Dazu gekommen ist es bislang nicht.

Nach Worten des 22-Jährigen (vor seiner Verhaftung) vor allem deshalb, weil für Stände der bundesweit bekannten Koranverteilkampagne "Lies" des Salafistenpredigers Ibrahim Abou-Nagie eine Genehmigung der Stadt nötig ist. Und darum hätten sie sich bislang noch nicht bemüht.

Für die Genehmigungen von Infoständen ist das Amt für Verkehrswesen zuständig. Infostände sind eine "Sondernutzung" des öffentlichen Raums, geprüft werden vor allem verkehrsrechtliche Aspekte - ob der Stand zum Beispiel Fußgängern den Weg versperrt. Und was ist mit dem Gedankengut dahinter? "Wenn wir nicht wissen, welche Schriften ausgelegt werden, lassen wir uns das vorher vorlegen", sagt Volker Reichle vom Amt für Verkehrswesen. Gegebenenfalls reiche man das Material an den Verfassungsschutz oder die Polizei weiter - wie 2009, als die rechte Gruppe "Nationales Augsburg" einen Stand anmeldete.

Allerdings: Verstößt das Material nicht gegen Gesetze, könne die Stadt nichts unternehmen. Vor Jahren war die Stadtverwaltung mit dem Versuch gescheitert, einen Stand von Scientology zu verbieten.

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