Das Kreuz fordert Solidarität mit den Leidenden

Von Ingrid Grohe | MellatzDie Fastenzeit steht für Christen im Zeichen der Vorbereitung auf Ostern. Doch vor der Auferstehung stehen Leiden und Tod Jesu. In 14 Stationen beschreiben Bildnisse in katholischen Kirchen die Passion - von der Verurteilung durch Pilatus bis zur Grablegung - und laden Gläubige zu Gebet und Meditation ein. Im fünften Teil unserer Serie beschreiben wir eine Ausstellung, die derzeit im Missionshaus der Comboni-Missionare in Mellatz zu sehen ist. Die Bilder stammen von Sieger Köder, dem Künstler und Geistlichen, der in Bildern predigt.

Die kraftvollen, farbgewaltigen Bilder des 'Bensberger Kreuzwegs' sprechen Auge, Herz und Verstand an. Sie schaffen - im Gegensatz zu den meisten klassischen, traditionellen Kreuzwegdarstellungen - eine Verbindung zwischen dem Leiden Jesu und dem Leiden der Menschen. Sieger Köder äußert sich in diesem Zyklus politisch. Er fordert ganz deutlich Solidarität mit Unterdrückten und Kampf gegen die Ungerechtigkeit. Gleichzeitig schließt er in die Beschreibung von Jesu Passion die Botschaft seiner Liebe zu den Menschen ein.

Drei Handpaare dominieren die 1. Station: In der Mitte die gefesselten Hände Jesu. Er ist von hinten zu sehen, seine Arme sind von blutigen Wunden übersät. Rechts davon die Hände des Pilatus. Der Richter wäscht sie in einer Schale, deren Wasser sich rot färbt. Die Hände am linken Bildrand umfassen die Thora-Rolle, die Gesetze des Mose. Sie gehören Kajafas, dem Hohenpriester. Sein Blick scheint zu sagen: Dieses Todesurteil muss gesprochen werden für einen höheren Zweck.

Die 3. Station hat Köder mit dem Titel versehen 'Erdrückende Last'. Der grobe, schwere Balken drückt Jesus auf die Knie, sein Hals wird vom Gewicht abgeknickt, die Wirbelsäule droht zu brechen, der Kopf ist unnatürlich nach unten gebogen. Doch nicht der massive Klotz allein lastet auf diesen Schultern. Darüber deutet Köder in dunklen Farben unterdrückende und unterdrückte, missbrauchende und missbrauchte, leidende, unglückliche Menschen an. Der Gestrauchelte darunter stützt sich mit einer Hand auf dem Boden ab. Er will all das er-tragen.

Die Kreuzwegstationen Köders vermitteln einerseits Stimmungen. Die Begegnung Jesu mit seiner Mutter etwa drückt warme Zärtlichkeit aus. Andererseits flicht er zahlreiche Andeutungen und Symbole ein. Während auf dem 7. Bild (Titel 'Er fällt mit Vielen') ein neben Jesus zu Boden gefallener Mensch mit dunkler Hautfarbe als Opfer von Sklaverei und Apartheid verstanden werden kann, versammeln sich im 8. ('Weinen und Wehklagen') zahlreiche Frauen, die für das Leid aller Mütter stehen: eine Mutter aus Hiroshima, eine jüdische Mutter, die den Holocaust durchlitten hat, eine afrikanische, die ihr hungerndes Kind im Arm hält.

Auch kirchenpolitisch äußert sich Köder mit seiner Interpretation der Passion. Die 10. Station heißt bei ihm 'Der Einheit beraubt'. Halb nackt steht der traurige, fast ratlos blickende Jesus im Zentrum. An seinen Kleidern reißen keine römischen Soldaten - nein, es sind Würdenträger der katholischen, protestantischen und orthodoxen Kirchen.

Erschütternd sind solche Bilder und aufrüttelnd. Sie lassen nicht zu, die Leidensgeschichte Jesu isoliert zu betrachten. Sie zwingen zum Mitfühlen, zum Nachdenken. Sie verlangen Solidarität. Denn als Botschaft der unbegrenzten Liebe Jesu zu den Menschen fordern sie auf, es ihm gleich zu tun.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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