Kempten
Das Glück heißt Nancy

Das Glück hat einen Namen: «Nancy!» Nur dieser eine Ausruf kommt über Venita Zillners Lippen, als sich vor ihr die Türen des weißen Transporters öffnen. Anspannung, Sorge, Trauer um die tote Mutter, Fassungslosigkeit über die Katastrophe in ihrer Heimat Haiti - alles vergessen in diesem Moment. Ein Lächeln breitet sich auf den Lippen der 51-Jährigen aus, bis schließlich das ganze Gesicht strahlt. Dann ist die Kemptenerin im Wagen, schließt voller Erleichterung ihre beim Erdbeben verletzte Tochter Nancy in die Arme, um deren Aufenthalt im Allgäu sie so gerungen hat. Wie berichtet, hatte das bayerische Innenministerium nach tagelangen Gesprächen vergangene Woche den Weg für die Einreise der Verletzten freigemacht. Über die Dominikanische Republik wurde Nancy schließlich nach Deutschland ausgeflogen - das vorläufige Ende einer bewegten und dramatischen Geschichte.

Rückblende: Vor zehn Jahren kommt Venita Zillner durch eine Heirat nach Deutschland. Ihre beiden Kinder bleiben zunächst in Haiti, erst später holt die heute 51-Jährige ihren Sohn Anderson nach Kempten. Dorthin hat es sie nach der Scheidung von ihrem Mann verschlagen - gemeinsam mit ihrer Schwester und zwei Kindern leben Venita und Anderson in einer Altbauwohnung am Kemptener Stadtrand. Dort, im Wohnzimmer, bricht für die Haitianer dann vor drei Wochen von einer Sekunde auf die andere eine Welt zusammen: In den Nachrichten müssen sie mit ansehen, wie Haiti von einer Katastrophe nicht gekannten Ausmaßes erfasst wird.

In Panik versuchen Venita Zillner und ihre Schwester Helena, ihre Angehörigen in Haiti zu erreichen. Erst eine Woche später kommen sie endlich telefonisch durch. Es ist das aus den Trümmern geborgene Handy von Venitas Tochter Nancy, über das der Kontakt gelingt. Die Familie der Kemptenerinnen ist inzwischen in einem der vielen Zeltlager in der Hauptstadt Port-au-Prince untergekommen. In die anfängliche Freude mischt sich für Venita und Helenas aber auch Trauer - ihre Mutter ist beim Beben ums Leben gekommen. Sie ist, so erzählt Nancy bei ihrer Ankunft in Kempten, in einem Massengrab in der Hauptstadt beigesetzt. «Irgendwann werden wir ihre letzte Ruhestätte besuchen», ist Venita sicher.

Aber das kann warten - alles, was jetzt zählt, ist das Leben. Das Wochenende wird Nancy bei ihrer Familie verbringen, nächste Woche soll das verletzte Bein operiert werden. Aber auch Nancys Seele muss heilen. Seit der Katastrophe kann die 27-Jährige nicht mehr in Räumen schlafen, wird sie von Angstträumen heimgesucht. Aber ihre Familie will ihr beistehen, für sie kämpfen wie immer in den vergangenen Wochen. «Wir werden sie die ganze Zeit im Arm halten, damit sie einschlafen kann», sagt ihre Mutter. Denn Schlaf, so lässt Nancy übersetzen, kann sie wirklich brauchen. Und dann liegen sich alle wieder in den Armen - aber es sind endlich Freudentränen, die da fließen.

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