Nesselwang
Das Design des Bösen

Design hat Macht - davon sind Graphiker wie Andreas Koop überzeugt. Doch hat Macht auch Design? Der 39-jährige Gestalter aus Nesselwang (Ostallgäu) geht dieser Frage an einem Tiefpunkt deutscher Geschichte nach: dem Nationalsozialismus.

Ergebnis seiner historisch-graphischen Gratwanderung, die nach jahrelanger Quellenarbeit in ein 152 Seiten starkes Sachbuch mündete: Die braune Diktatur entwickelte das wohl erste professionelle staatliche Corporate Design der Geschichte. Wenngleich den Machthabern damals die absolute Durchgängigkeit fehlte, die heutige Design-Maßstäbe erfordern. Das Markante ist laut Koop die Durchdringung des Alltags: «Das Böse suchte sich konsequent seine Zeichen - ab 1933 waren diese allgegenwärtig.»

Analytisch und mit dem routinierten Blick des Graphikers seziert Koop Runen, Adler und Hakenkreuze, bewertet Gestalt und Wirkung nationalsozialistischer Symbole und Schriften und stellt neue Zusammenhänge her zwischen den Elementen und ihrer Inszenierung - egal ob Briefkopf oder Banner, Wimpel oder Wahlplakat.

Das visuelle Erscheinungsbild der Diktatur war zwar nicht im Detail festgeschrieben. «Es gab aber punktuell durchaus strenge Vorgaben», so Koop. Das galt besonders für die omnipräsenten Fahnen (damals das wohl wichtigste Medium), Uniformen und Hoheitszeichen. Doch auch den Emblemen zuvor unbelasteter Organisationen wie Wohlfahrt, Rotes Kreuz oder den Jugendherbergen wurde die NS-Symbolik konsequent übergestülpt.

Nachdem Hitler Mitte der 20er Jahre Zeichen und Farben der NSDAP festgelegt hatte, folgte 1933 die visuelle Gleichschaltung. Die Ironie dabei: Die Leitfarbe rot, die in der heutigen Werbung ob ihrer Wucht und Wirksamkeit noch immer gern eingesetzt wird, hatte Hitler «von den Kommunisten gestohlen und gezielt genutzt.» Das Ergebnis war laut Koop eine «visuelle Kraft, der man sich damals schwer entziehen konnte». Nicht umsonst diente die NS-Symbolik später anderen Diktaturen als Vorbild.

Wichtiger Anstoß für das Buchprojekt war 2006 ein Auftrag des Münchner Stadtmuseums: Für ein Begleitheft zur NS-Dauerausstellung sichtete der gebürtige Sonthofer, der in Nesselwang und München Designbüros betreibt, tausende von Fotos und Illustrationen, unter anderem im Institut für Zeitgeschichte.

Danach war es für den Absolventen der Hochschule der Künste in Zürich nur konsequent, die NS-Symbolik noch intensiver zu durchleuchten. «Das Thema ist allerdings ein Minenfeld», gibt der Familienvater zu. «Man darf es nicht idealisieren, ich wollte es aber auch nicht verschämt präsentieren.» Eine Faszination des Bösen habe er dabei nie erlebt, so Koop. Nur eines gebe ihm mit Blick auf heute zu denken: «Für das Gute gibt es viel weniger Zeichen und Symbole.

» Selbst der Friede werde in der Graphik meist nur als Negation des Krieges dargestellt.

Andreas Koop: «NSCI - Das visuelle Erscheinungsbild der Nationalsozialisten 1920 - 1945». Verlag Hermann Schmidt Mainz. 152 Seiten, zahlreiche Illustrationen, 29,80 Euro.

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