Bregenz
Das Beste, was Händel zu bieten hat

Händels größter Hit war nicht zu hören. Sein «Halleluja» wurde lediglich in Noten aufgemalt auf einem Plakat dem Publikum präsentiert. Ansonsten aber hat die Musicbanda Franui sich reichlich bedient bei Georg Friedrich Händels Opern und Oratorien für das Programm «Anaesthesia», das sie gemeinsam mit dem Berliner Ensemble «Nico and the Navigators» an den beiden ausverkauften Abenden des Mittwoch und Donnerstag vor insgesamt fast 600 Zuschauern auf der Werkstattbühne des Bregenzer Festspielhauses aufführten. Mit ihrer leicht ironischen Hommage an Händel spürten die durchwegs herausragenden Tanz-, Gesangs- und Instrumentalkünstler dem Geist des Barock nach.

Man kann nicht sagen, dass Franui Georg Friedrich Händel nicht ernst nehmen würden. Im Gegenteil: Die Tiroler Musiker suchen und entdecken das Beste, was der Meister zu bieten hat, zerlegen und entstauben es, um es dann zu einem hinreißenden Pasticcio (siehe Wortweiser) zusammenzubasteln.

Ziemlich respektlos

Bei ihrer Bastelei gehen sie freilich ziemlich respektlos vor. Da übernimmt ein Sopransaxophon die erste Geige, schleicht sich ein Akkordeon in eine Sonate ein, hüpfen Synkopen durch kammermusikalische Passagen, und Blue Notes mischen auch immer mal wieder mit. Zuweilen mündet dieser mitreißende Klangfluss in subtile und betörende Kompositionen neuer Musik. Erstaunlich gut passt all das zu den Geschichten aus dem 17. Jahrhundert, die Franui in der Sprache Händels erzählt.

Wie die Musicbanda Franui bei «Anaesthesia» Händels Werke in schillernden Metamorphosen vorstellt, so führen die Sänger und Tänzer von Nico and the Navigators barocke Szenen in Metamorphosen auf. Der bunte Bilderbogen erinnert ein bisschen Sommernachtstraum, ein bisschen an «Shakespeare in love».

Ausschweifende Feste an Königshöfen und wildes Treiben in staubigen Straßen vor barocken Schlössern steigern sich da zum Rausch. Animalisches, Majestätisches, eine Krönung, Dekadenz, die Schöpfung und der Tod werden zelebriert. Verrückt, orgiastisch oder auch lyrisch sind die Tänze - verblüffend vor allem Yu Kawaguchi, die elegant und schlangengleich mit ihrem Körper die schillerndsten Wesen und Gebilde formt.

Verträumt, poetisch die Arien des warm eingefärbten Countertenors Terry Wey, der Sopranistin Theresa Dlouhy mit ihrer natürlich strahlenden Stimme und des Baritons Clemens Koebl, der das erstaunliche Kunststück vollbringt, kopfüber von der Decke hängend ein langes Solo zu singen.

Tosender Schlussapplaus

Die Frage, inwieweit Regisseurin Nicola Hümpel und die musikalischen Leiter von Anaesthesia Markus Kraler und Andreas Schett mit ihrer ungewöhnlichen Charakterisierung Georg Friedrich Händels und seiner Zeit - unter historischen Aspekten - richtig liegen, stellt sich nicht.

Mit ihrer fulminanten Performance «Anaesthesia» haben sie Händels Hits auf eine zwar überraschende, aber durchaus begreifbare neue Ebene gehoben und wurden dafür mit tosendem Schlussapplaus belohnt.

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